Eine groß angelegte Studie, veröffentlicht in der Fachzeitschrift JAMA Oncology, legt nahe, dass sich das Risiko für Bauchspeicheldrüsenkrebs möglicherweise aus einem einfachen Speicheltest ablesen lässt. Demnach könnte die Zusammensetzung der Mundflora – also welche Mikroben im Speichel vorkommen – das Risiko, an einem der tödlichsten Krebsarten zu erkranken, deutlich erhöhen.
Für die Untersuchung wurden Speichelproben von rund 122.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus zwei großen epidemiologischen Kohorten ausgewertet. Die Probanden wurden über einen Zeitraum von etwa neun Jahren nachbeobachtet. In dieser Zeit entwickelten 445 Personen Bauchspeicheldrüsenkrebs.
Die Forschenden analysierten das gesamte orale Mikrobiom, also alle Mikroorganismen im Mund. Ergebnis: Sie identifizierten 21 bakterielle Arten, die statistisch mit Bauchspeicheldrüsenkrebs in Verbindung stehen. Acht dieser Arten waren mit einem geringeren Risiko assoziiert, 13 mit einem höheren Risiko.
In einem zweiten Schritt entwickelten die Wissenschaftler ein Risikomodell auf Basis von insgesamt 27 Mikroben. Aus diesen 27 Arten wurde ein Score berechnet, der den individuellen Risikoanstieg widerspiegelt. Nach Angaben der Studie verdreifachte sich das Erkrankungsrisiko mit jedem Anstieg dieses Scores um eine Einheit. Der Wert bildet die kombinierte Wirkung aller erfassten Mikroorganismen ab – also sowohl potenziell schützender als auch potenziell schädlicher Arten – und gewichtet ihren Einfluss.
Auffällig ist der mögliche Einfluss von Keimen, die bereits als Auslöser von Parodontalerkrankungen bekannt sind. Dazu zählen unter anderem Porphyromonas gingivalis, Prevotella intermedia und Fusobacterium nucleatum. Diese Bakterien gelten seit Langem als klassische Erreger von Zahnfleischentzündungen.
Neben Bakterien wurden auch bestimmte Pilze mit einem erhöhten Risiko in Verbindung gebracht. Dazu gehörten Candida tropicalis, Candida albicans, nicht genauer bestimmte Candida-Arten sowie Malassezia globosa. Die Studie weist darauf hin, dass vor allem Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Raucheranamnese ein erhöhtes Risiko aufwiesen, wenn diese Pilze im Mund nachweisbar waren. Der gesamte Candida-Komplex – also die Hefegattung insgesamt – wurde als problematisch eingestuft.
Warum sind Mikroben aus dem Mund überhaupt relevant für ein Organ wie die Bauchspeicheldrüse? Fachleute erläutern zwei Mechanismen. Erstens können Entzündungen im Mundraum über längere Zeit proinflammatorische Botenstoffe in den Blutkreislauf freisetzen. Chronische Entzündung gilt als ein Treiber zahlreicher Erkrankungen, darunter Herz-Kreislauf-Leiden, Diabetes, Fettleber, Schlaganfälle – und Krebs. Zweitens können Mikroorganismen aus dem Mund in den Verdauungstrakt und von dort weiter in andere Organe gelangen. Gelangen sie in die Bauchspeicheldrüse, könnten sie dort Entzündungsprozesse verstärken, die langfristig zur Krebsentstehung beitragen.
Parodontalerkrankungen gelten seit Jahren nicht mehr als rein lokal begrenztes Problem. Dieselben Keime, die nun mit einem gesteigerten Risiko für Bauchspeicheldrüsenkrebs in Verbindung gebracht werden, tauchen auch bei anderen schweren Erkrankungen auf. Porphyromonas gingivalis wurde beispielsweise mit Endokarditis, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bestimmten Formen von Arthritis (häufig in Kombination mit Prevotella-Arten) sowie sogar Alzheimer-Erkrankungen in Zusammenhang gebracht. Fusobacterium nucleatum gilt als möglicher Faktor bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. Parvimonas-Arten werden regelmäßig bei Wirbelsäuleninfektionen nachgewiesen. Candida albicans wiederum wird seit Jahren als Risikofaktor für verschiedene Krebsarten diskutiert.
Die Autorinnen und Autoren der Studie betonen, dass ihre Ergebnisse einen Risikozusammenhang aufzeigen, aber keine Kausalität beweisen. Das heißt: Die Daten legen nahe, dass bestimmte Keimmuster gehäuft bei Menschen auftreten, die später Bauchspeicheldrüsenkrebs entwickeln. Sie beweisen jedoch nicht, dass diese Keime den Krebs direkt auslösen.
Unabhängig davon raten zahnmedizinische und chirurgische Expertinnen und Experten dazu, die Mundgesundheit ernster zu nehmen – nicht nur, um Zahnfleischerkrankungen zu vermeiden, sondern möglicherweise auch zur Verringerung systemischer Erkrankungsrisiken.
Zu den Basisempfehlungen zählen gründliches Zähneputzen, tägliche Zahnseide und regelmäßige Zungenreinigung. Diese Maßnahmen dienen vor allem dazu, Plaque zu stören, bevor sie „ausreift“. Frischer Zahnbelag ist weich, härtet aber mit der Zeit durch Mineralieneinlagerung aus. In reifem, verhärtetem Belag (Zahnstein) siedeln sich bevorzugt genau jene aggressiven Bakterien an, die mit parodontalen Entzündungen in Verbindung stehen.
Ein weiterer Punkt ist die Barrierefunktion im Mundraum. Fachleute verweisen zunehmend auf Produkte, die nicht primär alle Bakterien abtöten, sondern einen physischen Schutzfilm auf Zähnen und Schleimhaut bilden sollen. Genannt werden hier unter anderem Mundspüllösungen mit Hyaluronsäure und filmbildenden Stoffen wie Pullulan oder Polyvinylpyrrolidon. Diese Substanzen können sich zu einer Art Netz verbinden, das die Anlagerung und Ausreifung von Plaque erschwert. Hintergrund ist der Hinweis, dass herkömmliche antibakterielle Mundspüllösungen zwar Keime reduzieren, dabei aber auch nützliche Bakterien im Mund mit abtöten können.
Neben der mechanischen Reinigung spielt Lebensstil eine Rolle. Rauchen gilt als klarer Risikofaktor für Zahnfleischentzündungen und verändert das bakterielle Gleichgewicht im Mund in Richtung entzündungsfördernder Keime. Eine Ernährung mit viel Ballaststoffen, ausreichenden Eiweißquellen (Pflanzenprotein, Meeresfisch), fermentierten Lebensmitteln wie Joghurt und Käse sowie ein insgesamt zuckerärmeres Essverhalten wird dagegen mit einer stabileren, weniger entzündungsfördernden Mundflora in Verbindung gebracht. Auch Probiotika werden in diesem Zusammenhang diskutiert.
Die Studie weckt Erwartungen an künftige Vorsorgeinstrumente. Sollte sich der Zusammenhang bestätigen und verfeinern lassen, könnte ein einfacher Speicheltest künftig helfen, Menschen mit besonders hohem Risiko für Bauchspeicheldrüsenkrebs früher zu identifizieren – lange bevor erste Symptome auftreten. Bauchspeicheldrüsenkrebs wird heute häufig erst in späten Stadien entdeckt und hat dann eine sehr schlechte Prognose.
Bis dahin bleibt die Kernbotschaft der Forschenden vergleichsweise bodenständig: Mundgesundheit ist Allgemeingesundheit. Wer Zahnfleischentzündungen vorbeugt, schützt womöglich nicht nur Zähne und Kieferknochen, sondern reduziert auch chronische Entzündungssignale im Körper – und damit unter Umständen das Risiko schwerer systemischer Erkrankungen, einschließlich Krebs.

