Horst D. Deckert

UNTERNEHMER-BERATER, SERIENUNTERNEHMER BZW. MEHRFACHGRÜNDER Parteilos und damit völlig unabhängig von irgendwelchen Parteien, Organisationen, Verbänden, etc. Seit 1971 im Dienst von Inhabern, Geschäftsführern, Unternehmern. 1971: Gründung einer Werbeagentur mit dem Schwerpunkt Marketing für Kleinbetriebe im Alter von 19 Jahren. Seit 1977 Firmengründer in Europa, USA und Südamerika. Fragen?
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Frankreichs „McKinsey Kabinett“: Hochbezahltes Komplettversagen der Beratungsindustrie beim französischen Impfmanagement

Nachdem ich beim Spectator in einem Nebensatz über den Namen McKinsey gestolpert bin, das in Frankreich beim Management der Coronaimpflogistik einen Skandal verursacht haben soll, habe ich nach ein paar französischen Quellen umgesehen und bin tatsächlich fündig geworden. Es sieht ganz danach aus, als würde das Unternehmen in Frankreich dank der Nähe zur Politik die exakt selbe Masche durchziehen und das mit dem exakt selben Ergebnis in Form von hohen Kosten und katastrophaler Leistung.

 

France Info: Die Zusammenfassung der Kontroverse rund um McKinsey und die Regierung, die von McKinsey in Bezug auf die Impfstrategie beraten wird

 

Wer hatte wirklich die Kontrolle über das Management der Impfkampagne gegen Covid-19 in Frankreich? Bestimmte Bereiche der nationalen Impfstrategie wurden von der Regierung an das amerikanische Beratungsunternehmen McKinsey und mehrere weitere abgegeben (Accenture, Citwell und JLL). Dies wurde Anfang Januar bekannt nach den Enthüllungen von Le Canard Enchaine und Politico.

Laut Le Point bekommt McKinsey für seine Beraterleistung zwei Millionen Euro pro Monat und wie Mediapart berichtet erhält Accenture monatlich 1,2 Millionen Euro dafür. Andere Beratungsunternehmen wie JLL Consulting, Roland Berger oder Deloitte wurden ebenfalls engagiert, um Präsident Emmanuel Macron den jeweils nächsten Schritt im Kampf gegen das Coronavirus ins Ohr zu flüstern.

 

Eine sehr geheimes und sehr einflussreiches „Unternehmen“

 

Das amerikanische Beratungsunternehmen McKinsey mit dem Spitznamen „The Firm“ wurde in den 1920er Jahren von James McKinsey gegründet. Heute umfasst die Kundschaft des Beratungsunternehmens Eliten aller Arten: „CEOs, Minister, Staatsoberhäupter“, wie Le Monde in einem eingehenden Portrait von McKinsey schreibt. „Wenn wir angerufen werden, dann schwingt auch immer mit, dass unser Ruf mit eingekauft werden soll“, heißt es dort und das wirkt sich auf die Preisgestaltung des Dienstleisters aus.

Dank seines Einflusses erzielte das mächtige Unternehmen laut Forbes 2019 einen Umsatz von 8,3 Milliarden Euro, zahlt laut Le Monde pro Jahr aufgrund seines Firmensitzes in Wilmington, Delaware (USA), der Heimat des neuen US-Präsidenten Joe Biden, lediglich eine symbolische Steuerpauschale von 175 Dollar.

 

Emmanuel Macron ein McKinsey-Mann

 

Das erste Treffen zwischen Emmanuel Macron und McKinsey geht auf das Jahr 2007 zurück. Der junge 29-jährige Absolvent der ENA war damals Finanzinspektor und stellvertretender Generalberichterstatter der Attali-Kommission. Emmanuel Macron „beeindruckte“ damals das Publikum mit seiner Arbeit der Kommission – bestehend aus Vorstandsvorsitzenden, Ökonomen und Intellektuellen – die für die Erarbeitung von Vorschlägen zur „Befreiung“ des französischen Wirtschaftswachstums eingerichtet wurde. Unter ihnen waren Eric Labaye und Pierre Nanterme, jeweils Chefs von McKinsey France und Accenture. Bei der Gelegenheit traf Emmanuel Macron auch Karim Tadjeddine, damals Chef aller McKinsey Berater.

Dank letzterem trat Emmanuel Macron im Jahr 2010, als er für die Investmentbank Rothschild & Cie arbeitete, dem Aufsichtsrat von McKinsey bei. Dort trafen die beiden dann auch auf Thierry Cazenave, mit dem sie einige Jahre später gemeinsam an dem Buch „L’Etat en mode start-up“ arbeiteten.

Heute ist Emmanuel Macron Präsident von Frankreich. Nach seiner Wahl im November 2017 schuf er eine interministerielle Abteilung für öffentliche Transformation (DITP) und setzte seinen Freund Thierry Cazenave an die Spitze, der für die Überwachung aller mit privaten Beratungsunternehmen wie McKinsey eingegangenenVerträge überwacht. Die exakt selbe Position nimmt Karim Tadjeddine innerhalb des Kabinetts ein. Laut Le Monde verfügt das DITP in einem Fünfjahreszeitraum über ein Gesamtbudget von 100 Millionen Euro und hat bisher 30,2 Millionen für privater Beratungsdienstleistungen ausgegeben.

Während dem Präsidentschaftswahlkampf von 2017 enthüllten die „MacronLeaks“ unter anderem auch die engen Verbindungen zwischen Mitgliedern von McKinsey und Macron ins Leben gerufener politischer Bewegung.

 

McKinseys zentrale Rolle während der Impfkampagne

 

Am 12. Januar, wenige Tage nach den Enthüllungen über die Auslagerung der Logistik der Impfkampange an McKinsey, antwortete der Gesundheitsminister Olivier Veran auf die Frage nach der Rolle der amerikanischen Beratungsfirma lakonisch mit: „Es ist ziemlich normal und konsequent, sich auf das Fachwissen der Privatwirtschaft zu verlassen.“

Eine Woche zuvor meinte Regierungssprecher Gabriel Attal zur Einstellung externer Berater, dass sie der Regierung „die Unterstützung der Privatwirtschaft ermöglicht zusätzlich zum Fachwissen unserer Beamten“, erklärte er. „In diesem Zusammenhang haben wir (McKinsey) eingesetzt. Wie Sie wissen, steht die Logistik im Mittelpunkt der Impfkampagne.“ Attal fügte hinzu, dass „Beratungsunternehmen seit mehreren Jahren von mehreren Regierungen bei der Konzeption und Umsetzung großer Projekte eingesetzt werden, wenn diese eine strategische oder logistische Unterstützung und Beratung erfordern.“ Ohne weitere Details zu nennen wurde McKinsey angeheuert für die „logistische Gestaltung, das Benchmarking und die operative Koordination“ der Impfkampagne.

Am 23. Dezember nahm ein Vertreter von McKinsey auch bei einer hochrangigen Videokonferenz teil mit den Direktoren jener Krankenhäuser, die für den Start der Impfkampange ausgewählt wurden, wo die Details des unmittelbaren Vorgehens geklärt wurden. Eine der beteiligten Personen bezeichnete die Präsenz von McKinsey als überraschend, weil „für das H1N1 im Jahr 2010 keine anderen Fähigkeiten benötigt wurden und alles intern verwaltet wurde“.

Dieser Rückgriff auf McKinsey und andere Berater erklärt sich womöglich auch aus der Dringlichkeit der Situation. „Wir hatten das Gefühl, dass die Regierung eine Art Panikreaktion zeigte“, meint Veronique Louwagie von Politico, die dort über Gesundheitsthemen berichtet. „Mindestens zwei Mitarbeiter und sieben Berater von McKinsey arbeiten an der Impfkampagne“, heißt es in dem Artikel, der auf die schwierige Situation hinweist. „Jeder Zweite im Ministerium leidet an einem Burnout“, unterstreicht ein Beamter des Gesundheitsministeriums die Lage, der anonym bleiben will. „Sie haben eine Krise, sind bemüht um deren Eindämmung und müssen sich um gleichzeitig den Impfstoff kümmern… Es ist offensichtlich, dass wir Hilfe von außen brauchen.“

„Der Einsatz von Beratungsunternehmen schockiert mich im Allgemeinen nicht allzu sehr“, führt Louwagie fort. Vielmehr ist es „die Frequenz, die mich stört und auch die Beschleunigung (in den letzten Monaten)“. Sie stellt fest: „Die Frage, um die es geht ist, ob es normal sein soll, dass ein Ministerium wie jenes für Gesundheit bestimmten Aufgaben nicht mehr selbst nachkommen kann?“

 

Langjähriger Einfluss, der über die Gesundheit hinausgeht

 

Das von Le Monde als „McKinsey Kabinett“ bezeichnete instrumentale Einfluss auf die Regierungsarbeit bietet dem „Präsidenten der Republik zahlreiche kostenlose Dienste an“. 2018 etwa sprach Emmanuel Macron auf einer Veranstaltung mit dem Titel „Tech for Good“, zu der die Chefs von Facebook, Google oder Uber eingeladen wurden. Das Beratungsunternehmen war „pro bono“ – also unentgeltlich – für die Vorbereitung der Debatten verantwortlich und überwacht die Einhaltung der dort gemachten Verpflichtungen. Jenseits davon hat McKinsey auch beim französischen Verteidigungsministerium einen Fuß in der Tür. Das Ministerium untersteht nicht der DITP Abteilung, sondern verfügt über einen eigenes Budget für externe Berater in Höhe von 87 Millionen Euro. Das McKinsey Kabinett berät das Ministerium bei dessen Umgestaltung.

Bereits zur Zeit von Nicolas Sarkozy war McKinsey im Auftrag der französischen Regierung unterwegs. Das Ministerium für nationale Identität beispielsweise wurde bei dessen „Optimierung des Einbürgerungsprozesses“ beraten, wobei es sich beim Migrationsthema generell um eines der Hobbys des Nebenkabinetts mit amerikanischen Wurzeln zu handeln. 2017 beauftragte der damals zu Macrons Bewegung gehörende Abgeordnete Aurelien Tache McKinsey damit, einen Bericht über die Einwanderungspolitik zu erstellen. Das Ziel bestand damals laut Tache einem „vergleichenden Ansatz mit Deutschland“ nachzugehen. Zu der Zeit war die Bundesregierung unter Angela Merkel gerade mit der Aufnahme von Migranten beschäftigt.

Quelle Titelbild 1, 2

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