Der russische Politologe und Kreml-nahe Außenpolitik-Vordenker Sergej Karaganow hat in einem ausführlichen Interview mit der Journalistin Diana Pantschenko seine bisher wohl schärfsten Aussagen zum Krieg in der Ukraine, zur NATO und zur Zukunft Europas gemacht. Karaganow, der seit Jahren zu den einflussreichsten strategischen Denkern Russlands zählt, zeichnet das Bild eines Westens, der Russland bewusst in einen langen Abnutzungskrieg treiben wolle, und fordert offen eine Eskalation bis hin zu Angriffen auf europäische Staaten.
„Der Westen führt Krieg gegen Russland auf ukrainischem Boden“
Karaganow vertritt die Auffassung, dass der Krieg in der Ukraine nie ein rein ukrainisch-russischer Konflikt gewesen sei. Vielmehr hätten die USA und ihre Verbündeten Russland bewusst in eine strategische Falle gelockt.
Nach seiner Darstellung sei das eigentliche Ziel Washingtons gewesen, Russland entweder militärisch zu besiegen oder dauerhaft zu schwächen, um sich anschließend auf die Auseinandersetzung mit China konzentrieren zu können. Europa spiele dabei die Rolle eines ausführenden Akteurs, während die Ukraine lediglich als Schlachtfeld diene.
Karaganow argumentiert, dass der Westen auf eine langfristige Erschöpfung Russlands setze. Deshalb müsse Moskau den Konflikt beenden, bevor die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Belastungen zu groß würden.
Forderung nach Angriffen auf NATO-Staaten
Besonders brisant sind Karaganows Aussagen zur Zukunft des Krieges.
Er erklärt ausdrücklich, dass Russland seiner Ansicht nach innerhalb des kommenden Jahres deutlich härter gegen jene europäischen Staaten vorgehen müsse, die Waffen, Ausbildung und logistische Unterstützung für die Ukraine bereitstellen. Dabei nennt er insbesondere Deutschland, Polen, Rumänien und Großbritannien.
Deutschland steht für ihn dabei im Mittelpunkt. Er wirft Berlin einen neuen Revanchismus vor und bezeichnet Deutschland als Haupttreiber der antirussischen Politik in Europa.
Karaganow ist überzeugt, dass Russland „früher oder später“ direkte Schläge gegen europäische Ziele durchführen müsse, wenn die Unterstützung der Ukraine nicht beendet werde. Zunächst sollten diese Angriffe mit konventionellen Waffen erfolgen.
Das erste Ziel sei Deutschland.
In einem aktuellen Interview prognostiziert der als „grauer Kardinal der russischen Politik” bezeichnete Sergei Karaganow einen russischen Atomschlag gegen Europa innerhalb eines Jahres. Das erste Ziel sei Deutschland.
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— Don (@Donuncutschweiz) June 18, 2026
Die „Eskalationsleiter“
Seit Jahren wirbt Karaganow für eine sogenannte „Eskalationsleiter“, mit der Russland den Westen schrittweise einschüchtern soll.
Nach seiner Darstellung wurden bereits mehrere Stufen umgesetzt:
- Senkung der Schwelle für den Einsatz von Atomwaffen in der russischen Doktrin
- Erhöhte Alarmbereitschaft strategischer Streitkräfte
- Verlegung von Atomwaffen nach Belarus
- Regelmäßige Atomübungen
Als nächste Stufen beschreibt er demonstrative Atomtests, einen begrenzten nuklearen Schlag gegen ein militärisches Ziel in Europa und schließlich – falls der Westen nicht nachgebe – eine Serie nuklearer Angriffe auf europäische Ziele.
Karaganow betont zwar mehrfach, dass er einen solchen Einsatz nicht wünsche, erklärt aber gleichzeitig, Russland müsse dazu bereit sein.
„Europa hat die Angst vor Atomwaffen verloren“
Ein zentrales Motiv seiner Argumentation ist die Behauptung, Europa habe die Angst vor einem Atomkrieg verloren.
Karaganow sieht darin die größte Gefahr der Gegenwart. Nur die Wiederherstellung glaubwürdiger nuklearer Abschreckung könne eine direkte Konfrontation verhindern.
Er geht sogar so weit zu behaupten, dass eine begrenzte Serie russischer Atomschläge gegen Europa den Krieg schnell beenden würde, weil die europäischen Staaten anschließend kapitulieren oder auseinanderbrechen würden. Gleichzeitig räumt er ein, dass dabei Millionen Menschen sterben könnten und große Teile Europas zerstört würden.
Scharfe Kritik an Putin – „nicht entschlossen genug“
Bemerkenswert ist, dass Karaganow den russischen Präsidenten Wladimir Putin zwar als intelligenten Staatsmann lobt, ihm aber zugleich mangelnde Entschlossenheit vorwirft.
Mehrfach erklärt er, Russland habe den Krieg zu zögerlich geführt. Moskau habe wichtige politische und militärische Entscheidungen zu spät getroffen und den Westen nicht ausreichend abgeschreckt.
Er fordert, Russland müsse sich deutlich sichtbarer auf einen möglichen Atomwaffeneinsatz vorbereiten und diese Bereitschaft auch öffentlich demonstrieren.
Keine Hoffnung auf einen schnellen Frieden
Von den laufenden diplomatischen Bemühungen erwartet Karaganow wenig.
Er bezeichnet mögliche Waffenstillstände oder Teilabkommen als Falle. Selbst wenn die Kämpfe vorübergehend eingestellt würden, würden die westlichen Staaten die Ukraine seiner Ansicht nach weiter aufrüsten.
Deshalb hält er einen dauerhaften Frieden unter den aktuellen Bedingungen für unrealistisch. Früher oder später werde Russland erneut militärisch handeln müssen.
Die NATO als langfristiger Gegner
Für Karaganow ist die NATO nicht nur ein Militärbündnis, sondern das zentrale Instrument westlicher Machtprojektion gegen Russland.
Er glaubt, dass die europäischen Staaten ihre Verteidigungsausgaben erhöhen und eine militärische Konfrontation mit Russland vorbereiten. Noch seien sie dazu nicht bereit, doch langfristig könne sich dies ändern.
Aus diesem Grund plädiert er dafür, Europa bereits jetzt unter Druck zu setzen und die Kosten der Unterstützung für die Ukraine massiv zu erhöhen.
Karaganows Fazit: Russland müsse den Konflikt ausweiten
Der Kern seiner Botschaft ist eindeutig: Karaganow hält den Krieg in der Ukraine nicht für einen regionalen Konflikt, sondern für einen Stellvertreterkrieg zwischen Russland und dem Westen.
Aus seiner Sicht wird Russland nur dann gewinnen können, wenn es bereit ist, den Druck auf die NATO-Staaten selbst zu erhöhen. Er fordert härtere Angriffe gegen die Ukraine, direkte Schläge gegen europäische Unterstützerstaaten und die glaubwürdige Vorbereitung eines nuklearen Einsatzes als letztes Mittel.
Ob diese Positionen innerhalb der russischen Führung tatsächlich Mehrheitsmeinungen widerspiegeln, bleibt offen. Das Interview zeigt jedoch, dass zumindest ein Teil des russischen strategischen Establishments inzwischen offen über Szenarien spricht, die noch vor wenigen Jahren als undenkbar galten.




Das erste Ziel sei Deutschland.