Horst D. Deckert

UNTERNEHMER-BERATER, SERIENUNTERNEHMER BZW. MEHRFACHGRÜNDER Parteilos und damit völlig unabhängig von irgendwelchen Parteien, Organisationen, Verbänden, etc. Seit 1971 im Dienst von Inhabern, Geschäftsführern, Unternehmern. 1971: Gründung einer Werbeagentur mit dem Schwerpunkt Marketing für Kleinbetriebe im Alter von 19 Jahren. Seit 1977 Firmengründer in Europa, USA und Südamerika. Fragen?
Kostenlos Termin buchen

taz: «In der Coronakrise ist der Umsatz im Einzelhandel gestiegen»

KOMMENTAR

«Die deutsche Wirtschaft wird von der Coronakrise gebeutelt — aber der Einzelhandel brummt.« Dies ist die Kernaussage eines Online-Artikels der Tageszeitung taz, in der die Coronapolitik der Bundesregierung gelobt wird. «Die Coronapolitik hat funktioniert», lautet deshalb folgerichtig die Schlagzeile der Zeitung.

Weiter schreibt das Blatt, das in der Vergangenheit als eines der grössten Kritiker konservativer Politik galt:

«Corona verstärkt einen Trend, den es schon vorher gab: Zunehmend wird im Internet bestellt. Das kann man doof finden. Aber es ist keine ‹Krise›, sondern normaler Strukturwandel.»

Ohnehin tut sich das Blatt inzwischen mit einem Konformismus hervor, der Stammleser entsetzen dürfte — zumal Begrifflichkeiten wie «Strukturwandel» einen Prozess verherrlichen, der das Machtgefälle immer mehr in Richtung Grosskonzerne verschiebt und demokratiegefährdende Ausmasse angenommen hat. Solche Vorgänge als «normal» zu bezeichnen, zeugt entweder von Ignoranz oder von Unwissen.

Denn die Liberalisierung der Märkte belohnt Reichtum, schluckt den Mittelstand und forciert Armut. So zeigt der Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI), dass die Einkommen in Deutschland heute so ungleich verteilt sind wie nie zuvor in der Geschichte des Landes. «Spitzenverdiener profitieren von Kapital- oder Betriebseinkünften. Dagegen frisst die Inflation Einkommenszuwächse der ärmsten Haushalte auf», urteilte sogar das wirtschaftsnahe Handelsblatt.

Der sogenannte Strukturwandel ist bezeichnend für das «grosse Fressen», an dem sich nationale wie internationale Konzerne beteiligen.

Die Marktdominanz Einzelner ist beängstigend. So beherrschen nur vier Konzerne den deutschen Lebensmittelmarkt: Edeka, Rewe, Aldi und Schwarz halten zusammen einen Marktanteil von etwa 70 Prozent. «Normal», wie die taz behauptet, ist diese Entwicklung nicht, sondern gewollt und gezielt gesteuert von Politikern, die den Bezug zu ihrem Wahlvolk längst verloren haben.

Die Digitalisierung wird das Aussterben der kleinen Anbieter noch befeuern, und auch hier tut die deutsche Regierung alles, um den Konzernen den Weg zu ebnen. Während Rewe und Edeka im Bereich Lebensmittel bereits einen Fuss in der Tür haben, verschlingen global agierende Konzerne binnen weniger Jahre Sparten und Marktanteile. Online-Shops kleiner Händler haben da kaum eine Chance. Im deutschen E-Commerce sind die Umsätze allein von Amazon auf 68 Prozent Marktanteil gewachsen. ‹Standard Work›, Bezahlung im unteren Lohnsegment, fehlende Tarifverträge und Totalüberwachung sind Amazon-üblich. Sieben Milliarden Euro macht der Konzern allein in Deutschland — regelmässige Lohnerhöhungen, Weihnachts- und Urlaubsgeld oder eine Begrenzung der Befristungen kommen dennoch keinesfalls in Betracht. Der Konzern lehnt jegliche Verhandlungen mit der Arbeitnehmerschaft ab. «Erst verheizen, dann entlassen» sei die Devise ihres Arbeitgebers, berichten Mitarbeiter.

Und so wird sich das Sterben auch im Einzelhandel fortsetzen. Die Politik setzt nichts dagegen. Dabei erweist sich vor allem der klein- und mittelständisch geprägte Handel als Beschäftigungsstütze: Rund «90 Prozent der knapp drei Millionen im Einzelhandel Beschäftigten arbeiten in Betrieben mit weniger als 20 Mitarbeitern. Mit einem Vollbeschäftigtenanteil von mehr als 40 Prozent stellen genau diese Einzelhandelsunternehmen in Klein- und Mittelstädten die Erwerbstätigkeit und damit die Prosperität dieser Räume sicher», heisst es im Red Paper Nr. 8, das von BearingPoint und dem IIHD-Institut herausgegeben wurde. Und die Corona-Massnahmen beschleunigen die Konzentrationsbewegungen und das Aussterben von kleinen und mittelständischen Betrieben noch — nicht nur in Einzelhandel, Gastgewerbe und Tourismus, sondern auch im industriellen Bereich.

Dass ausgerechnet die taz in das Horn von Regierung und Wirtschaftselite bläst, ist ebenso schmerzlich wie bezeichnend für die Gleichschaltung des Denkens in Zeiten einer künstlich angeheizten Krise, die sich ein vergleichsweise harmloses Virus zunutze macht, um den Neoliberalismus als einzig wahre Lebensform durchzusetzen: den Staat als Unternehmen.

Weitere Quellen:

https://www.bdu.de/media/32083/manke-studie-8.pdf

https://www.verdi.de/themen/geld-tarif/amazon/++co++217910b4-68ca-11e4-a52a-5254008a33df

https://www.amazon-watchblog.de/kritik/2378-arbeit-bedingungen-amazon-insiderin-packt-aus.html

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/4916/umfrage/marktanteile-der-5-groessten-lebensmitteleinzelhaendler/

Ähnliche Nachrichten

Auch lesen x