Die Welt ist im Wandel. So auch das Mittelerde-Franchise. Von den Minen von Moria bis zum Einsamen Berg ist nichts mehr so wie es J.R.R. Tolkien hinterlassen hat. Angesichts des LGBTQ-Trends in Mittelerde, bei der Amazon in der Spin-off-Serie âDie Ringe der Machtâ nun Elben zu âPeople of Colorâ macht, Zwergenfrauen die BĂ€rte abrasiert und die gesamte Geschichte nach ihren Vorstellungen umschreibt, hat Heiko Hofmann fĂŒr den Wochenblick das Fantasie-Epos analysiert und erklĂ€rt, worum es Tolkien in seiner weltberĂŒhmten Trilogie, seiner Interpretation nach wirklich ging.
Von Dipl-Kfm. Heiko Hofmann
Als zur letzten Jahrhundertwende mehrere Umfragen durchgefĂŒhrt wurden, welches Buch wohl das einflussreichste des 20. Jahrhunderts gewesen sei, gewann immer â sehr zum Leidwesen mancher Literaturkritiker â J.R.R. Tolkiens âDer Herr der Ringeâ.
Biographisches
Der Name Tolkien stammt ursprĂŒnglich aus OstpreuĂen, wo nach einer möglichen Theorie der Tolke das GegenstĂŒck zum Barden oder Skalden war. J.R.R. Tolkiens Vater stirbt frĂŒh. Seine Mutter stellt sich als junge Witwe Fragen nach dem Sinn des Lebens und konvertiert schlieĂlich zum Katholizismus. Als auch die Mutter stirbt, ist Tolkien mit 12 Jahren Vollwaise, seine Vormundschaft wird von den Oratorianern des heiligen Philipp Neri ĂŒbernommen. Sein Sprachtalent fĂ€llt frĂŒh auf und er besucht eine höhere Schule. Im Ersten Weltkrieg fallen zwei seiner drei besten Freunde. Mit seiner geliebten Frau, die er zunĂ€chst als armer Waisenjunge nicht heiraten durfte, hat er vier Kinder. Die Geldsorgen bleiben sein stĂ€ndiger Begleiter, auch als er schon einen Lehrstuhl fĂŒr AngelsĂ€chsisch innehat. Er gehört zum Professorenclub der Inklings, was ihn in Freundschaft mit C.S. Lewis, dem Autor der Narnia-Reihe, verbindet. Erst nach seiner Pensionierung mit dem Aufkommen des Kultes um seine BĂŒcher ermöglichen ihm die Autorenhonorare ein sorgenfreies Leben. Nach seinem Tod im Jahr 1973 tritt sein Sohn Christopher das Erbe an und bringt die noch nicht veröffentlichten BĂŒcher seines Vaters heraus. Seit einiger Zeit wird bei den Oratorianern fĂŒr seine Seligsprechung gebetet.
Zu den Verfilmungen
Peter Jackson hat mit seiner ersten Trilogie MaĂstĂ€be gesetzt, die auch 20 Jahre spĂ€ter noch unĂŒbertroffen sind. Die 17 Oscars erhielten die Filme völlig zu Recht. Einiges ist im Buch etwas anders. Manche Gestalten fehlen im Film, andere Rollen sind ausgeprĂ€gter. Das ist prinzipiell in Ordnung. Was nicht in Ordnung ist, ist genau jenes, was einer Anpassung an âHollywoodâ geschuldet zu sein scheint. In einem Drehbuch braucht es einen comic relief, eine Witzfigur, welche im Film ausgerechnet Gimli zugedacht wird. Der Buch-Legolas wird als ausdauernder und zĂ€her KĂ€mpfer und WaldlĂ€ufer beschrieben und nicht als langhaariger und immer adrett frisierter MĂ€dchenschwarm. Denethor und Boromir sind im Buch nicht so böse und als Charaktere vielschichtiger, aber jeder KinogĂ€nger soll merken, dass Gondor wieder einen König braucht. Der Konflikt zwischen Denethor und Faramir wird weit ĂŒberzogen, doch Vater-Sohn-Konflikte lassen sich immer gut verkaufen. Im Grunde sind das aber nur Kleinigkeiten.
An der Hobbit-Verfilmung gibt es schon mehr zu bemĂ€ngeln. Ein einzelnes Buch ebenfalls zur Trilogie aufzublasen wird vor allem mit Profitgier zu erklĂ€ren sein. Das im Buch nicht enthaltene Auftauchen von Legolas ebenfalls. Dass eine komplett neue Frauenrolle hineingeschrieben wurde, ist eine Anpassung an den Zeitgeist. Dass diese dann aber noch als bessere KĂ€mpferin als ihre mĂ€nnlichen Kameraden prĂ€sentiert wird, ist völlig abwegig. Dass sich dann auch noch eine Romanze zwischen einer Elbin und einem Zwerg entwickelt, ist schlieĂlich völlig absurd, aber Liebesgeschichten ĂŒber âRassenâ-Grenzen hinweg hat man ja sehr gern. Der Ork Azog kommt im Buch auch nicht vor, aber vielleicht dachte man, den Zuschauern einen âEndgegnerâ prĂ€sentieren zu mĂŒssen. Dass gewisse Anpassungen gemacht werden, um ein möglichst breites Publikum anzusprechen und ins Kino zu locken, ist aus einer unternehmerischen Sicht noch akzeptabel, nicht akzeptabel ist vorauseilender Gehorsam an âwokeâ Modeerscheinungen, die Tolkien so niemals in sein Werk aufgenommen hĂ€tte.
Die Kritiker
Viele von Tolkiens Kritikern haben ihn entweder schlicht nicht verstanden oder sie haben ihn nur zu gut verstanden, mögen aber nicht, was sie erkennen. Die Schurken sind solche, die vom rechten Weg abgekommen sind. Ganz klar bei Sauron und seinem Meister Melkor, wie man im Silmarillion nachlesen kann. Aber auch Denethor und Saruman kommen vom Weg ab. Denethor will den Ring als Waffe im Kampf um sein Vaterland einsetzen. Er will das Gute, aber scheitert und schafft Böses. Saruman hat Jahrhunderte mit dem Studium der Ringkunde zugebracht, er hĂ€lt sich jetzt fĂŒr klug und technisch fortschrittlich genug, es mit allen â auch ĂŒbernatĂŒrlichen MĂ€chten â aufnehmen zu können. Er will sein eigenes Reich errichten und dafĂŒr seine eigenen Wesen schaffen. Die, die sich selbst fĂŒr besonders klug halten, sind jene, die am leichtesten in die Falle gehen.
Dennoch: Denethor verzweifelt, aber er wechselt nicht die Seiten. Saruman verfĂ€llt völlig bis zu seinem erbĂ€rmlichen Ende. Denethor kann als Symbol fĂŒr den fehlgeleiteten Konservativen gesehen werden: Einer, der gar keine VerĂ€nderung will, auch keine Verbesserung. Saruman hingegen symbolisiert den fehlgeleiteten Intellektuellen, um nicht zu sagen: den Sozialisten. Kein Wunder, dass eine solche Geschichte in der Kulturschickeria nicht gut ankommt. Auf neue Verfilmungen möchte der Autor dieser Zeilen nicht weiter eingehen. Wer sich verdeutlicht, wie es zu den wenigen Kritikpunkten bei der HdR-Trilogie kam und woher diese rĂŒhrten und wer dann sieht, wie diese MĂ€ngel sich bei der Hobbit-Trilogie schon vervielfacht haben, der wird auch erkennen, warum der Titel dieses Beitrags âTolkien lesenâ und nicht âTolkien auf Amazon schauenâ lautet.

