Maximale Verbuntung des Alltags (Foto:Imago)
Mangelnde Diversität in den Medien – wir kennen das Klagelied schon länger. Wenn man in Deutschland versucht, das zu ändern, kommt meist irgendetwas zwischen peinlich und verkrampft dabei heraus; keine Angela Bassett schick im Kostüm wie in „London Has Fallen„, oder Morgan Freeman, der auch schon einmal den fiesen Schurken geben darf. Auch kein konservativer Homosexueller wie Alan Cumming als Kriminalpsychologe Dr. Reinhardt in der Serie Instinct. Der Kampf gegen das Klischee wird in Deutschland mit dem Klischee geführt. Lustig soll es sein und wird mit viel Brimborium angekündigt.
„Wir wollen mit unserer neuen Serie ‚Türkisch-deutsches Halligalli‘ ein Zeichen gegen Hass und Intoleranz setzen“, verkündet der Programmdirektor in diesem Falle stolz. „Aber es soll bei aller Ernsthaftigkeit des Themas zwischendrin auch mal komisch sein – der deutsche Freund von Aischa darf dann auch mal ihr Kopftuch aufprobieren. Das war so entspannt beim Drehen, sage ich Ihnen! Sogar die Jungs, welche die Rechtsradikalen aus Sachsen gespielt haben, sind in Wirklichkeit total sympathische Typen!„.
Ach, was haben wir gelacht! Abendfüllend darf es dann auch mal ein wenig dramatisch werden. Vielleicht mit der Geschichte eines arabischen Travestiekünstlers, der in seiner Community um Akzeptanz kämpft. Als er bei der Hochzeit seiner Schwester vor fünfhundert Gästen als Sängerin auftritt, sind alle Familienmitglieder furchtbar gerührt, sogar sein Vater, der ihn schon verstoßen oder wahlweise mit seiner strenggläubigen Cousine verheiraten wollte, besinnt sich eines Besseren und schließt ihn weinend in die Arme. Wenn ein deutscher Gutmensch das Drehbuch schreibt, werden mit ein bisschen Liebe alle kulturellen Hindernisse problemlos überwunden. Die strenggläubige Cousine wird natürlich geheiratet, weil sie unter ihrem Hijab extrem tolerant ist, und sitzt fortan bei den Auftritten ihres Gatten begeistert applaudierend in der ersten Reihe.
Multikulti klingt besser als „Überfremdung“
Allerdings werden wir aber höchstwahrscheinlich keinen heiteren Tatort aus Düsseldorf zu sehen bekommen, in dem der „Mord per Kugelfisch“ in Zusammenarbeit mit Gastkommissar Akira Yamamoto aus Kyoto aufgeklärt werden muss. Noch nicht einmal deshalb, weil die japanische Gemeinde in der Landeshauptstadt erstaunlich verbrechensfrei bleibt, sondern weil Japaner, Chinesen oder auch Koreaner das Exotikbedürfnis der Programmgestalter nicht zu erfüllen vermögen. Deshalb erfahren wir auch nicht, ob die Sache mit dem Kugelfisch ein Racheakt des gekränkten Kochs war oder die Todesursache doch das Samuraischwert im Rücken des Gastes. Schade. Es darf zwar divers sein, aber nur auf die gewünschte Art – und die betrifft hauptsächlich… na, wer errät es?
Es ist heutzutage schon schwierig: Einerseits muss man glaubwürdig versichern, dass eine „Überfremdung“ nicht stattfindet und diese eine „rechte“ Erfindung ist, andererseits gilt es, der Mehrheitsgesellschaft um jeden Preis zu vermitteln, wie wunderbar abwechslungsreich die Zusammensetzung der Bevölkerung geworden ist. Als Widerspruch wird dies offenbar nicht empfunden, es stört die Wortwahl, weil „Überfremdung“ und „Multikulti“ zwar am Ende den gleichen Vorgang beschreiben, letzteres aber in den Ohren seiner Befürworter wie Musik klingt, nach Festival und Exotik, Bauchtanz, Börek und Bollywood. Mit der „Islamisierung“ verhält es sich ganz ähnlich: Sie findet offiziell nicht statt. Obwohl uns das Gegenteil täglich vor Augen geführt wird: In Aufrufen zu Toleranz und Weltoffenheit. Dauernd wird behauptet: Das gibt es nicht, zum Beispiel importierten Antisemitismus. Gleichzeitig erklären uns die Medien, warum wir dafür Verständnis haben müssen. Man fühlt sich allerorten verschaukelt.
Das positive, folkloristische Bild von Einwanderung als Spaßveranstaltung darf natürlich nicht durch die negativen Begleiterscheinungen der multikulturellen Welt getrübt werden. Wenn Aktivisten sich beschweren, die deutsche Medienlandschaft zeige nicht genügend „Nicht-Weißes“, so sind damit gewiss keine Artikel wie der jüngst zum Mädchentag erschienene in der „Emma“ gemeint, in dem es um die während des Lockdowns gestiegene Zahl der Kinderehen und Zwangsverheiratungen geht. Es darf auch nicht über Sinn und Zweck der Anti-Rassismus-Kampagnen diskutiert werden, oder gar darüber, ob diese mit ihrer Penetranz genau das erreichen, was sie zu bekämpfen vorgeben. Es wächst der Wunsch, doch einfach mal in Ruhe gelassen zu werden. Übrigens auch von Statements wie z.B. dieser Sorte:
(Screenshot:Twitter)
Aber darum geht es auch längst nicht mehr, Akzeptanz und Toleranz sind den Aktivisten letztlich herzlich egal. Man will nicht diskutieren, sondern dozieren – oder um es etwas weniger vornehm auszudrücken: Sich endlich einmal richtig ausvomieren über die „weiße Mehrheitsgesellschaft„. Dazu werden dann auch gern eigene Regeln aufgestellt, wie etwa das Rederecht verteilt werden soll. Es ist nachvollziehbar, dass Menschen dunkler Hautfarbe in Talk-Shows selbst zu Wort kommen und nicht nur Objekt der Betrachtung sein wollen. Wenn sie dann aber ihre Teilnahme absagen, weil andere Gäste ihnen auch antworten und kritische Fragen stellen wollen, dann nimmt sich das wie kindischer Trotz aus. Eine Sarah-Lee Heinrich kritisiert man nicht, das ist böse.
Hinzu kommt das Fehlen eigener Kreativität. Schneewittchen muss jetzt auch eine Princess of Color sein, Anne Boleyn ebenso. Heinrich VIII. war jetzt also im Rückblick nicht nur ein untreuer Ehemann, der Scheidung per Schafott praktizierte, sondern auch noch ein fieser Rechter. Umgekehrt wird allerdings gefordert, dass Lesben nur von Lesben gespielt werden dürfen oder Schwarze nur von Schwarzen. Das Spiel ist ziemlich unfair. Wo bleiben die eigenen Ideen, die eigenen Drehbücher, die eigenen Geschichten? Viele Menschen sind doch so schon zu Autoren geworden, weil ihnen die Bücher auf dem Markt nicht das gaben, was sie sich von einer guten Story erhofften – da sie es satt hatten zu warten, strengten sie ihren eigenen Kopf an.
Aber das ist natürlich anstrengend. Auch könnten Zuschauer und Leser das Werk schlussendlich langweilig oder absurd finden. Allerdings gehört genau das zum allgemeinen Lebensrisiko: Wer ernst genommen werden will, muss auch bereit sein etwas zu riskieren und Kritik einzustecken. Sonst bleibt man ewig im Entwicklungsstadium des trotzigen Kindes stecken.

