„Dr. Seltsam“ Drosten oder: Wie ich lernte, das Virus zu lieben (Foto:Imago)
Binnen der nicht einmal zwei Jahre, in denen Christian Drosten vom zuvor mustergültigen Nerd, vom weitgehend unbekannten Charité-Chefvirologen zum Popstar und „Playboy“ der Pandemie aufstieg und seither als interdisziplinäres Universalgenie und Maßnahmenguru gilt, hat er sich einen durch nichts begründeten Unfehlbarkeitsbonus erworben, der seine ihm ergebenen Twitter-Posse jedem noch so haarsträubenden Humbug zujubeln lässt, den er in den Äther bläst. Drosten gibt sich als allwissendes Orakel, dabei lag er mit seinen Vorhersagen genauso oft schief wie Lauterbach und das RKI – von Kindern als angebliche Superspreader-Hotspots (womit dann die Schulschließungen begründet wurden), über das apokalyptische Massensterben in der Dritten Welt, bis hin zu „100.000 weiteren Corona-Toten”, bevor sich „das Fahrwasser beruhigt” (und dies als angeblich „konservative” Schätzung). Dass Drosten trotz solcher absurder Falschprognosen weiter angebetet wird, obwohl sein Ruf inzwischen eigentlich miserabler als der von Pinocchio sein müsste, liegt weniger an ihm als an der ideologischen Verblendung seiner Jünger.
Dem einst so bescheiden daherkommenden, sympathischen Wuschelkopf hat die Prominenz nicht gut getan. Er verfällt immer öfter in arrogante Besserwisserei – und selbst diese unangenehme Eigenschaft feiern die parteiischen Medien des „Teams Drosten” mit Leitartikeln ab. So berichtet gestern nachmittag etwa die weiterrelotierende „Spiegel“-Linkspresse von der Hamburger Ericusspitze begeistert über Drostens „Sarkasmus“, der sich in einem Tweet über die Wirkweise des Immunsystems niedergeschlagen habe.
Was war geschehen? In seinem Bestreben, die Impfung als praktisch einzige heilversprechende Maßnahme gegen das Coronavirus hochzuloben, hatte sich Impf-„Markenbotschafter“ Drosten gestern mal wieder als vermeintlicher Myth-Buster auf – und machte sich über jene lustig, die völlig zu Recht vor einer Unterforderung und Schwächung des Immunsystems durch die Corona-Maßnahmen infolge Abstands- und Kontaktbeschränkungen, Masken und Dauerimpfungen warnen:
(Screenshot:Twitter)
Und Drosten schob nach:
(Screenshot:Twitter)
Einmal beiseite gelassen, dass dies dann wohl nicht nur für Infektionen, sondern gerade auch für Impfstoffe gelten müsste, ein reichlich sinnfreier und somit verunglückter Vergleich: Aufgabe eines Magens ist es Nahrung zu verdauen – und Aufgabe eines Immunsystems, eine Vielzahl von Erregern zu neutralisieren, sie zu „erlernen“ und „archivieren“ und den Körper vor diesen so möglichst dauerhaft zu schützen. Und so wenig, wie es gesund wäre, die natürliche Ernährung durch künstliche Ernährung – etwa Dauerinfusionen – zu ersetzen, so wenig ist es eben ratsam (geschweige denn von der Natur vorgesehen!), sich alle paar Wochen aufs Neue impfen und boostern zu lassen. Die Hybris, das Leistungsvermögen eines in hunderten Millionen Jahren Evolution gereiften, hochkomplexen biologischen Abwehrsystems höherer Lebewesen gegen Viren und andere Erreger durch binnen weniger Monate entwickelte synthetische, genbasierte Experimentalimpfstoffe übertreffen zu wollen, mutet gerade aus dem Munde eines Virologen verstörend an. Vor allem, wenn er dann auf Widerspruch noch überheblich reagiert:

(Screenshots:Twitter)
Was, zum Geier, erzählt der Mann hier? Wir reden nicht von irgendwelchen anderen Erregern, sondern von Corona – in dessen Namen, obwohl es ein vergleichsweise harmloser Virus ist, ganze Gesellschaften lahmgelegt und Verfassungen ausgehebelt werden; nicht Masern, nicht EBV, nicht HIV sind unser Thema, sondern leider nur noch Corona, es geht hier doch seit 22 Monaten nur noch um „diese eine Infektionskrankheit”! Hier schwingen eine gehörige Portion Haarspalterei und Relativierung mit. Hinzu kommt, dass selbstredend auch die von Drosten fast täglich blind verteidigten Impfungen – schon gar nicht die mRNA-Vakzine – das Immunsystem keineswegs „stärken“ ; im Gegenteil. Und, zu guter Letzt, ist mit „Stärkung des Immunsystems“ durch natürliche Infektionen außerdem gemeint, dass die körpereigene Abwehr, vereinfacht gesagt, über T-Zellen und ihr zelluläres „Archiv“ der Gedächtniszellen jeden einmal abgewehrten Erreger beim künftigen Eindringen in den Körper sehr wohl wirksam bekämpfen kann – und je mehr Infektionen ein Mensch überstanden hat, umso besser ist er fortan eben geschützt.
Das ist keine Hypothese, sondern Allgemeinwissen; für so etwas braucht man kein Charité-Professor zu sein. Und so gesehen ist ein „arbeitendes“, weil gefordertes Immunsystem selbstverständlich gesünder und leistungsfähiger als ein unterfordertes, künstlich von Viren und Keimen abgeschottetes- Doch wenn Drosten den „Schwurblern“ – die wie so oft auch hier die richtigen Einwände vorbringen – weismachen wollte, zwei plus zwei ist fünf, dann würden ihn vermutlich auch dafür seine Groupies verherrlichen. So wie beispielsweise dieses weibliche Vollopfer, das seine vermeintliche Engelsgeduld in der Auseinandersetzung mit Andersdenkenden (vermutlich aus ihrer Sicht Leugner, Covidioten, Ahnungslosen) lobpreist:
(Screenshot:Twitter)
Der große Drosten. Er weiß es also nicht nur besser als namhafte Infektiologen, Hygieniker und Mikrobiologen, die die „Trainierung“ des Immunsystems – im Sinne einer Stimulation durch Erregerexposition – sehr wohl für lebenswichtig halten; er verhöhnt diese Experten indirekt noch und setzt sich kaltschnäuzig über die Lebensweisheiten von tausenden Menschheitsgenerationen hinweg, in denen die Abhärtung von Kindern durch frühzeitige Konfrontation mit Schmutz, Krankheiten, Verletzungen, Hitze, Kälte und anderen widrigen Umwelteinflüssen stets eine wichtige Rolle spielt – und zwar schon lange bevor dann mit den Generationen Y und Z die wohl verweichlichsten Erdenbewohner aller Zeiten die Wohlstandsquadranten des Planeten bevölkerten, von Helikoptereltern und einem Nanny-, Vollkasko- und neuerdings Lebensretterstaat hochgepampert bis ins hohe Erwachsenenalter. Vielleicht sollte Drosten mal über den Tellerrand blicken und ins Tierreich schauen, wo etwa Koala-Mütter ihren Neugeborenen erstmal in die Schnauze kacken, damit diese zum einen die Bakterien der mütterlichen Darmflora erhalten, zum anderen aber eine Unzahl Erreger intus bekommen, mit denen sich ihr Abwehrsystem dann auseinandersetzen muss. Und nicht nur Nachkriegskinder, auch die vor den Neunzigern Geborenen lernten noch die Lektion, dass es gar nichts schadet, wenn Kinder im Dreck spielen und sich die Knie blutig schlagen.
Das Praktische an den Thesen Drostens ist zum Glück, dass man ihn gar nicht widerlegen muss – weil er dies nämlich praktischerweise selbst tut. Niemand widerspricht sich virtuoser als Drosten selbst. Und so äußerte er sich in seinem NDR-Coronavirus-Podcast vom 30. September 2020 – damals noch nicht auf dem Impflobby-Ticket – just zum Thema „Training des Immunsystems“ wie folgt:

Keine weiteren Fragen, euer Ehren! Wenn Drosten nicht über einen längst bedenklichen politischen Einfluss verfügte, könnte man seine rabulistischen Einlassungen ja als fachidiotische Privatmeinungen vernachlässigen. Brandgefährlich werden seine „Expertisen“ ja erst, weil die Politik auf ihn hört und die Menschen – dank einer ungerechtfertigten Medienpräsenz – wirklich glauben, ein bei Nicht-Risikogruppen, Gesunden und vor allem Kindern bewährtes, natürliches Schutzsystem des Organismus könne man im Prinzip getrost verwaisen lassen, solange uns Biontech & Co. nur alle paar Monate unsere erlösende nächste Dosis der Auffrischungsimpfungen verpassen.
Es läuft am Ende wieder alles auf die eine entscheidende Frage hinaus: Auf wen wollen wir in dieser Krise hören – auf jene, die uns seit zwei Jahren zum Narren halten und uns (und der Politik) ihr eigenes Nebelstochern als unfehlbare Weisheit verkaufen – oder endlich wieder auf unseren gesunden Menschenverstand?

