Immer mehr Filmstudios setzen auf KI-Elemente in ihren Produktionen. Doch ein Berliner KI-Studio zeigt auf, dass in Zukunft vielleicht ganze Kinofilme mithilfe von Künstlicher Intelligenz erstellt werden könnten. Filme, die so realistisch sind, dass Ungeübte sie von klassischen Produktionen nicht mehr unterscheiden können.
Ein Kommentar von Heinz Steiner
Hollywood lebt von einer Legende: dass große Bilder nur mit großem Geld entstehen. Dass Explosionen, futuristische Städte und epische Kamerafahrten zwangsläufig hunderte Millionen Dollar verschlingen müssen. Dass nur die großen Studios die Macht über das Kino besitzen. Doch genau diese Annahme wird dank modernster Technik obsolet.
Das kleine Berliner KI-Studio Dor Brothers veröffentlichte einen vollständig KI-generierten Science-Fiction-Film, der aussieht wie ein 200-Millionen-Dollar-Blockbuster. Gedreht wurde er nicht in monatelanger Produktion, sondern in etwa 24 Stunden. Keine Schauspieler, keine Kamerateams, keine Drehorte. Nur Rechner, Modelle und ein paar kreative Köpfe. Doch damit kommt auch ein Angriff auf die Geschäftsgrundlage der gesamten Filmindustrie.
Die Hollywood-Traumfabrik basiert auf einem einfachen Prinzip: Kontrolle durch Kapital. Wer die finanziellen Mittel besitzt, kontrolliert die gezeigten Bilder – und damit die Geschichten, die die Welt sieht. Genau deshalb kosten große Produktionen heute 200, 300 oder sogar 400 Millionen Dollar. Nicht nur wegen der Technik oder der Gagen für die Schauspieler, sondern wegen der Eintrittsbarriere.
Der Film der Dor Brothers zeigt futuristische Skylines, dramatische Katastrophenszenen und fotorealistische Figuren, die sich kaum noch von real gefilmtem Material unterscheiden lassen. Was früher ein Heer von Spezialisten erforderte, entsteht heute aus Texteingaben und Rechenleistung. Der Regisseur wird zum Prompt-Ingenieur, das Studio zum Server. Ein kleines Team kann so in vergleichsweise kurzer Zeit und mit vergleichsweise geringem Budget einen Blockbuster produzieren.
Die eigentliche Revolution liegt dabei nicht in der Perfektion, sondern in der Geschwindigkeit. Denn wenn drei Minuten heute in einem Tag entstehen, dann sind 90 Minuten nur noch eine Frage der Skalierung. Schafft man 15 Minuten an nutzbarem Filmmaterial am Tag, ist ein ganzer Film in rund einer Woche “im Kasten”. Das schaffen weder Netflix, noch Disney noch HBO oder sonst ein Publisher.
Für die großen Studios, vor allem in Los Angeles, ist diese Entwicklung brandgefährlich. Ihr gesamter Einfluss basiert auf Infrastruktur: Studios, Kameras, Crews, Schauspielern, Logistik. All das verliert schlagartig an Bedeutung, wenn die Produktionsmittel digitalisiert werden. Der entscheidende Vorteil verschiebt sich damit von physischem Kapital zu technologischem Zugang. Nicht mehr das größte Studio gewinnt, sondern das beste Modell.
Noch vor wenigen Jahren galt es als Science-Fiction, digitale Schauspieler vollständig künstlich zu erzeugen. Heute sind sie Realität. Gesichter, Emotionen, Bewegungen – alles entsteht synthetisch. Auch die Synchronisierung der Lippenbewegungen ist mittlerweile kein sehr großes Problem mehr. Der menschliche Darsteller wird vom Zentrum der Produktion zu einer optionalen Komponente. Das hat dramatische Konsequenzen.
Man fragt sich: Warum zig Millionen für einen Star bezahlen, wenn eine KI jede gewünschte Figur erschaffen kann? Warum für teures Geld an reale Drehorte reisen, wenn jede gewünschte Szenerie einfach digital generiert werden kann? Warum hunderte Mitarbeiter beschäftigen, wenn Algorithmen ihre Arbeit übernehmen? Die Antwort darauf ist einfach: Man wird dies künftig immer seltener tun.
Noch ist das System nicht vollständig ersetzt. Noch kämpfen KI-Videos mit Inkonsistenzen, noch fehlt die perfekte Kontrolle über lange Handlungsstränge. Doch diese Probleme sind technischer Natur – und technische Probleme werden gelöst. Die Entwicklung folgt dabei der exponentiellen Kurve, die sich seit einiger Zeit abzeichnet. Was heute experimentell ist, wird morgen Standard sein.
Die eigentliche Botschaft des Berliner Experiments ist deshalb eine andere: Nicht dass KI Hollywood bereits ersetzt hat. Sondern dass Hollywood nicht mehr unersetzlich ist. Das Machtmonopol ist gebrochen. So wie immer mehr Menschen mit KI-Tools wie Suno bereits ihre eigenen Lieder kreieren, werden die Leute irgendwann damit beginnen, ihre eigenen Storys mittels Video-KI-Tools zu “verfilmen” und zu publizieren. Ob man die Ergebnisse Kunst nennen will, ist eine andere Frage.

