Ein geleakter E-Mail-Verkehr zeigt: Schon im Oktober 2023 liefen in Washington Gespräche über Kaja Kallas’ politische Zukunft – nicht nur als NATO-Generalsekretärin, sondern auch für „große EU-Jobs“. Wenige Monate später wurde sie Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik. Zufall – oder transatlantische Personalpolitik im Hintergrund?
Die transatlantische Vorbereitung einer EU-Personalie
Im Dezember 2024 trat Kaja Kallas das Amt der EU-Außenbeauftragten an. Die Entscheidung wurde in Brüssel präsentiert – doch ihre Basis wurde offenbar viel früher und ganz woanders gelegt: in Washington D.C., im engsten Zirkel des mächtigen US-Think-Tanks Council on Foreign Relations (CFR).
Am 24. Oktober 2023 schrieb Katrin Sibul von der estnischen Botschaft in den USA an das CFR, um für einen Besuch Kallas’ in Washington am 13. November zu werben:
„I would already kindly like to ask your indicative view on whether CFR would be interested to host PM Kaja Kallas during these dates…“
Geplant war ein Frühstücksformat mit moderierter Diskussion und Fragerunde – ein klassisches Schaulaufen für internationale Kandidaten, die sich in Washington „vorstellen“.
Sestanovich: „Sie ist wirklich gut – große EU-Jobs sind möglich“
Nur Stunden später antwortet Stephen Sestanovich, langjähriger CFR-Insider und außenpolitischer Architekt unter Reagan und Bush:

„She’s really good. And if she doesn’t get the nod to be NATO Secretary General, there are big EU jobs she’ll be considered for too – she’s a going-places political figure.”
Die Einschätzung ist eindeutig: Kallas ist aus Sicht Washingtons eine transatlantisch zuverlässige Personalie mit strategischem Potenzial – insbesondere im Kontext der EU-Spitzenpostenvergabe. Dass sie ein Jahr später genau diesen „großen EU-Job“ erhält, wirkt vor diesem Hintergrund kaum noch wie Zufall.
Sestanovich ergänzt, dass der Besuch auch politisch gut platziert sei:
„The Ukrainian aid bill will still be up in the air at that point, and she’ll have a lot to say about it.“
Kallas’ harte Ukraine-Linie war offenbar ein zusätzlicher Bonus – eine Stimme, die in Washington gut ankommt.
Auch Sam Dunderdale vom CFR zeigt Bereitschaft, den Kalender umzustrukturieren, um Platz für Kallas zu schaffen:
„We don’t have much availability on the calendar those days but wanted to get your advice on whether or not it makes sense to try and rework the calendar to try and host the Prime Minister in DC.”
Inszenierung statt Auswahlverfahren
Der spätere Ablauf ist bemerkenswert:
- 13. November 2023: Kallas beim CFR in Washington
- 2024: Kallas wird zunehmend als Kandidatin für einen EU-Topposten gehandelt
- Dezember 2024: Ernennung zur EU-Außenbeauftragten – trotz Widerständen innerhalb der EU
Der Eindruck verdichtet sich: Die Entscheidung fiel nicht in Brüssel, sondern wurde in Washington vorbereitet. Kallas war Teil eines informellen transatlantischen „Castings“, bei dem sie die Rolle der Hardlinerin übernahm – gegen Russland, für NATO, für den Kurs der Eskalation.
Warum gerade Kallas?
Kallas steht wie kaum eine andere Politikerin für eine kompromisslose Linie gegenüber Russland. Ihre Wortwahl – „strategische Niederlage Moskaus“ – ist längst berüchtigt. Für Washington ist sie daher eine verlässliche Stimme des geopolitischen Westens in einem zunehmend widerspenstigen Europa.
Fazit: Die EU wird nicht gewählt – sie wird abgestimmt
Die durchgesickerten E-Mails belegen: EU-Spitzenpositionen entstehen nicht durch demokratische Prozesse allein, sondern durch geopolitische Weichenstellungen im transatlantischen Netzwerk.
Kaja Kallas’ Karriere ist nicht Ausdruck europäischer Souveränität – sie ist das Produkt einer strategischen Partnerschaft, bei der Washington entscheidet, wen Europa sprechen lässt.
Quellen:
- E-Mail der Estnischen Botschaft an das CFR, 24.10.2023
- Antwortmail von Stephen Sestanovich, 24.10.2023
- CFR-Kontakt: Sam Dunderdale, Columbia University
- Ernennung Kallas zur EU-Außenbeauftragten, Dez. 2024 (offiziell)

