Von ELENA FRITZ | Die öffentliche Drohung von US-Präsident Donald Trump, gegenüber Indien Strafzölle von bis zu 50 Prozent zu verhängen, ist ein außenpolitischer Vorgang mit weitreichenden Konsequenzen – weit über den bilateralen Rahmen hinaus. Was zunächst wie ein Handelskonflikt wirkt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Teil einer strategischen Dynamik, die den globalen Süden näher zusammenführt. Im Zentrum: Indien – und mit ihm die BRICS-Staaten.
Der Ausgangspunkt: Indien importiert seit Beginn des Ukrainekriegs große Mengen vergünstigter russischer Energie – nicht nur zur Eigenversorgung, sondern auch zur Weitervermarktung über Dritthändler auf dem Weltmarkt. Für Washington ist dies ein Affront. Trump wirft Indien nicht nur wirtschaftliche Profite auf Kosten westlicher Sanktionen vor, sondern droht offen mit Vergeltung – in Form massiver Einfuhrzölle. Verbunden wird dies mit weiteren Forderungen: dem Verzicht auf russische Kampfflugzeuge, dem Ausbau amerikanischer Waffenlieferungen sowie der Öffnung des indischen Marktes für US-Agrarprodukte.
Doch der Versuch, ein aufstrebendes Schwellenland unter öffentlichen Druck zu setzen, trifft auf kulturelle und geopolitische Realitäten, die sich der gewohnten Logik des US-Druckmodells entziehen. Indien sieht sich nicht als Empfänger, sondern als gleichberechtigter Akteur in einer multipolaren Ordnung.
Delhi reagiert mit strategischer Gelassenheit
Die Reaktion aus Neu-Delhi ist zurückhaltend, aber deutlich. Statt auf Konfrontation zu setzen oder sich öffentlich zu rechtfertigen, reagiert Indien mit einer diplomatischen Geste: Der nationale Sicherheitsberater Ajit Doval reist nach Moskau. Offiziell geht es um energie- und sicherheitspolitische Fragen – inoffiziell auch um die Koordination strategischer Positionen innerhalb der BRICS. Dass dieser Besuch öffentlich bekannt gemacht wurde, darf als gezielte Botschaft verstanden werden: Indien handelt souverän, nicht im Schatten Washingtons.
Zugleich signalisiert Delhi, dass die eigenen außenpolitischen Entscheidungen nicht im Weißen Haus getroffen werden – auch nicht unter einem republikanischen Präsidenten, der mit bilateralen Druckmitteln statt multilateraler Formate agiert.
Strategische Autonomie statt Bündnistreue
Indien verfolgt seit Jahren eine Politik der sogenannten „strategischen Autonomie“. Das bedeutet: enge Kooperation mit westlichen Ländern in einzelnen Bereichen – etwa im Rahmen des QUAD (mit den USA, Japan und Australien) –, aber keine Bündnisverpflichtung im Sinne exklusiver Lagerzugehörigkeit.
Mit der öffentlichen Drohkulisse Trumps wird dieser Kurs nicht unterminiert, sondern eher bestätigt. Denn: Eine Einordnung Indiens in die Logik westlicher Blockbildung würde bedeuten, die eigenen Interessen im Wettbewerb mit China – dem wichtigsten geopolitischen Rivalen – aufzugeben.
Gerade im Energiesektor ist dies keine Option. Die Versorgung mit günstiger russischer Energie ist für Indien nicht nur ökonomisch, sondern auch strategisch entscheidend – insbesondere im Wettbewerb mit Peking. Ein vollständiger Bruch mit Moskau würde Delhi geopolitisch schwächen, nicht stärken.
Der unbeabsichtigte Effekt: BRICS wird greifbarer
Was sich aus dieser Konstellation herausbildet, ist eine Entwicklung, die in Washington kaum intendiert gewesen sein dürfte: die schrittweise strukturelle Konsolidierung der BRICS-Staaten unter dem Druck westlicher Maßnahmen.
Was lange als loser Verbund wirtschaftlich heterogener Staaten galt, gewinnt durch äußere Bedrohung eine neue Funktion: als Schutzrahmen gegen übergriffige Handels- und Sanktionspolitik.
Dabei gilt: Es ist nicht Russland, das auf Konfrontation drängt, sondern die USA, die durch ihre einseitige Druckpolitik Reaktionen provozieren. Indien ist dabei nicht Rebell, sondern Realist: Es orientiert sich an seinen eigenen Interessen, nicht an geopolitischen Loyalitätsforderungen.
Multipolarität als Folge, nicht als Ziel
Die laufenden Entwicklungen zeigen: Die multipolare Weltordnung entsteht nicht durch gezielte Gegenmachtbildung, sondern als Reaktion auf den Erhaltungswillen hegemonialer Strukturen.
Trump – wie auch viele in seiner Administration – agiert nach einem Machtverständnis, das in der bipolaren Logik des Kalten Krieges wurzelt: Wer sich nicht fügt, wird sanktioniert.
Doch die Staaten des globalen Südens haben gelernt, solche Maßnahmen nicht mehr als alternativlos zu betrachten. Sie schaffen Alternativen – von neuen Zahlungssystemen bis hin zu regionalen Energieabkommen. Die Reaktion auf westlichen Druck ist nicht Konfrontation, sondern Dezentralisierung.
Fazit
Trump wollte Indien disziplinieren. Was er ausgelöst hat, ist eine neue Runde strategischer Selbstbehauptung – nicht nur in Neu-Delhi, sondern auch in Moskau, Peking, Brasília und Pretoria.
Die BRICS gewinnen dadurch nicht an Ideologie, sondern an Funktion: als Raum geopolitischer Souveränität gegenüber einem Westen, der sich zunehmend als Blockierer statt als Partner inszeniert.
Dass diese Entwicklung nicht nur unbeabsichtigt, sondern auch unumkehrbar ist, dürfte eines der prägendsten geopolitischen Phänomene der kommenden Jahre werden.
PI-NEWS-Autorin Elena Fritz, geboren am 3.10.1986, ist vor 24 Jahren als Russlanddeutsche nach Deutschland gekommen. Nach ihrem Abitur hat sie Rechtswissenschaften an der Universität Regensburg studiert und erfolgreich mit einem Diplom abgeschlossen. Seit 2018 engagiert sie sich in der AfD, war von 2019 bis 2021 im bayerischen Landesvorstand tätig und wurde am 15. November zur Direktkandidatin der AfD für den Wahlkreis Landshut/Kelheim bei der Bundestagswahl 2025 nominiert. Sie ist stolze Mutter eines Jungen. Hier gehts zum Telegram-Kanal von Elena Fritz.
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