Die Financial Times berichtet, dass Europas Waffenindustrie derzeit in einem Tempo expandiert, wie es seit Jahrzehnten nicht mehr zu beobachten war. Laut einer Auswertung von Radarsatellitendaten, die 150 Produktionsstandorte in 37 Unternehmen abdecken, wächst die Rüstungsproduktion aktuell dreimal so schnell wie in Friedenszeiten – und das auf einer Gesamtfläche von mehr als sieben Millionen Quadratmetern.
Vom politischen Versprechen zur baulichen Realität
Seit der russischen Invasion in die Ukraine 2022 ist der Ausbau der europäischen Waffenproduktion nicht mehr nur ein politisches Ziel oder eine Frage von Haushaltszusagen – er wird nun in Beton und Stahl umgesetzt. Öffentliche Subventionen, allen voran aus dem EU-Programm ASAP (Act in Support of Ammunition Production), treiben den Bau neuer Fabriken und die Erweiterung bestehender Anlagen in historischem Ausmaß voran.
Die Satellitendaten zeigen: Rund ein Drittel der untersuchten Standorte weist sichtbare Bauaktivitäten auf – von großflächigen Erdarbeiten über neue Produktionshallen bis zu neu angelegten Straßen. Der Übergang von einer auf „Just-in-Time“-Produktion ausgelegten Friedenswirtschaft hin zu einer langfristigen Kriegswirtschaft ist in vollem Gange.
Deutsche und ungarische Großprojekte
Eines der größten Ausbauprojekte befindet sich im ungarischen Várpalota, wo Rheinmetall gemeinsam mit der staatlichen ungarischen N7 Holding eine gigantische Munitions- und Sprengstofffabrik errichtet. Bereits im Juli 2024 wurde dort die erste Anlage zur Produktion von 30-mm-Munition für das Schützenpanzer-Modell KF41 Lynx fertiggestellt. Weitere Produktionslinien für 155-mm-Artilleriegeschosse, 120-mm-Munition für Leopard-2-Panzer sowie für Sprengstoffe sind in Planung.
Rheinmetall will die Jahresproduktion von 155-mm-Geschossen von 70.000 (2022) auf 1,1 Millionen im Jahr 2027 steigern – ein entscheidender Beitrag zur von der EU angestrebten Gesamtkapazität von zwei Millionen Geschossen jährlich bis Ende 2025.
EU-Subventionen als Beschleuniger
Das ASAP-Programm stellte bisher 500 Millionen Euro bereit, um Engpässe in der Munitions- und Raketenproduktion zu beseitigen. Laut FT-Analyse verzeichnen die damit geförderten Standorte deutlich stärkere Expansionen als nicht geförderte Wettbewerber. So wurden an 20 ASAP-Standorten völlig neue Fabriken und Verkehrswege errichtet, während weitere 14 kleinere Erweiterungen wie neue Parkflächen oder Lagerhallen erhielten.
Neben ASAP fließen auch nationale Rüstungsaufträge und NATO-Projekte in den Ausbau. Beispiele:
- MBDA Deutschland in Schrobenhausen (Bayern) erhielt 10 Millionen Euro ASAP-Förderung für die Produktion des tragbaren „Enforcer“-Raketenwerfers, zusätzlich zu einem 5,6-Milliarden-Dollar-NATO-Auftrag für Patriot-Raketen.
- BAE Systems in Großbritannien investierte über 150 Millionen Pfund in seine Munitionswerke, darunter ein neues Sprengstofffüllwerk in Glascoed, das die Produktion von 155-mm-Geschossen ver-16-fachen soll.
- Kongsberg (Norwegen) eröffnete 2024 eine neue Raketenfabrik mit 62 Millionen Dollar Investitionsvolumen, davon 10 Millionen aus ASAP-Mitteln.
Engpässe bleiben
Trotz des Ausbaus warnen Experten, dass die tatsächliche Produktion noch deutlich unter der theoretischen Kapazität liege. Vor allem die Herstellung von Miniatur-Strahltriebwerken für Langstreckenraketen sowie hochenergetischer Sprengstoffe sei ein Flaschenhals, der in künftigen EU-Förderprogrammen adressiert werden müsse.
Der norwegische Rüstungsexperte Fabian Hoffmann betont: „Raketen sind die Voraussetzung für eine glaubwürdige Abschreckung gegen Russlands überlegene Bodentruppen. Wenn wir jemals eine glaubwürdige Antwortkapazität erreichen wollen, müssen wir die Produktion drastisch ausweiten.“
Politischer Kontext und strategische Bedeutung
Die Aufrüstung erfolgt vor dem Hintergrund anhaltender Unsicherheiten über die langfristige Unterstützung der USA für die Ukraine. EU-Staaten stehen unter dem doppelten Druck, sowohl die militärische Hilfe für Kiew aufrechtzuerhalten als auch ihre eigenen Munitionslager aufzufüllen.
Die lettische Außenministerin Baiba Braže bezeichnete die Entwicklung als „sehr positiv und dringend notwendig“, mahnte jedoch an, dass die Industrie effizient arbeiten und das Geld der Steuerzahler verantwortungsvoll einsetzen müsse.
Mit dem geplanten neuen 1,5-Milliarden-Euro-EU-Programm soll die ASAP-Logik auf andere Bereiche wie Drohnen, Luftabwehr und Artillerie ausgeweitet werden – ein klares Signal, dass Europa sich auf eine langfristige militärische Konfrontation einstellt.

