In einem offenen und scharfsinnigen Interview auf Judging Freedom, moderiert von Richter Andrew Napolitano aus Moskau, zerlegte Professor John Mearsheimer, ein renommierter Experte für internationale Beziehungen, die brüchigen Faultlines von Präsident Donald Trumps ambitionierten außenpolitischen Initiativen.
Die Sendung, ausgestrahlt am Freitag, dem 17. Oktober 2025, umspannte den Nahen Osten, Lateinamerika und Osteuropa und zeigte Mearsheimers charakteristischen Realismus: eine Weltsicht, in der Machtdynamiken, nicht Wohlwollen, die Ergebnisse bestimmen.
Mit 78 Jahren machte der Professor der University of Chicago – bekannt für seine Kritik an US-Interventionen in der Ukraine und der Israel-Lobby – keine halben Sachen.
Trumps vielgepriesener Gaza-Waffenstillstand? Ein temporärer Verband auf einer klaffenden Wunde.
Der US-Militäraufbau vor Venezuela? Ein Echo imperialer Überheblichkeit.
Und das kürzliche Telefonat zwischen Trump und Putin? Ein diplomatisches Manöver, das Russlands unaufhaltsamen Vormarsch kaum stoppen wird.
Der Gaza-Waffenstillstand: Ein Kartenhaus aus gebrochenen Versprechen
Trumps 20-Punkte-Plan für Gaza, Anfang Oktober 2025 mit viel Tamtam vorgestellt, versprach, den Völkermord zu beenden, der seit Oktober 2023 über 40.000 palästinensische Leben gefordert hat.
Er umfasste die Freilassung von Geiseln, einen fragilen Waffenstillstand und vage Zusagen zur Rekonstruktion unter internationaler Aufsicht – Persönlichkeiten wie Tony Blair wurden als „neokolonialer Generalgouverneur“ ins Spiel gebracht.
Die Hamas, nach zwei Jahren Verwüstung in die Enge getrieben, stimmte am 5. Oktober der Freilassung der verbleibenden Geiseln und der Übergabe der administrativen Kontrolle an Technokraten zu, sträubte sich jedoch gegen eine vollständige Abrüstung.
Trump pries es als „monumental“ und schrieb es seinem Verhandlungsgeschick zu, die Geiseln als oberste Priorität zu setzen.
Doch Mearsheimer durchschaut die Optik:
„Es wird hier keine Friedenslösung geben“, sagte er Napolitano unverblümt. „Es wird kein endgültiges Abkommen geben, bei dem die Palästinenser Selbstbestimmung erhalten und einen eigenen Staat bekommen. Das wird nicht passieren.“
Die einzige Frage sei, ob der Waffenstillstand hält – und die Geschichte schreit Nein. Israel, so Mearsheimer, habe eine „reiche Geschichte des Brechens von Waffenstillständen“.
Beweise für Nicht-Einhaltung häufen sich bereits. Nur Wochen nach dem Waffenstillstand haben israelische Politiker wie Finanzminister Bezalel Smotrich offen für jüdische Siedlungen in Gaza plädiert:
„Es wird jüdische Siedlungen in Gaza geben. Ohne Siedlungen gibt es nichts.“
Smotrichs Rhetorik spiegle wider, was Mearsheimer als „die Mehrheitsmeinung in Israel“ bezeichnet: die Vision eines „größeren Israel“, in dem Gaza absorbiert, die Palästinenser vertrieben und neue Siedlungen errichtet werden.
Venezuela: Ein Phantomkrieg ohne Rechtfertigung
Das Gespräch wandte sich dann Venezuela zu, wo Trump einen Militäraufbau im Ozean plant – ohne den Amerikanern eine Bedrohung für die nationale Sicherheit nachzuweisen.
Mearsheimer war unmissverständlich:
„Es gibt keinen Grund, über eine Invasion in Venezuela zu sprechen und die Regierung zu stürzen.“
Senator Lindsey Graham rechtfertigte dies mit „Narkoterrorismus“ – doch Mearsheimer entgegnete:
„Die beiden Länder in Lateinamerika, die am meisten für den Drogenfluss in die USA verantwortlich sind, sind Kolumbien und Ecuador, nicht Venezuela.“
Warum also diese Kriegsrhetorik?
Mearsheimer sieht einen gefährlichen Präzedenzfall: US-Präsidenten agieren, als befände sich das Land in einem „permanenten Ausnahmezustand“, der ihnen erlaubt, ohne Rücksprache mit Kongress oder Volk zu intervenieren.
Trump-Putin: Ein Gespräch ohne Durchbruch
Das Highlight des Interviews war die Analyse des 90-minütigen Telefonats zwischen Trump und Putin.
Trump, der sich als „großer Friedensstifter“ sieht, dürfte versucht haben, Putin zu einem Waffenstillstand in der Ukraine zu bewegen. Doch Mearsheimer ist skeptisch:
„Ich wette eine Menge Geld, dass er Putin nicht bedroht hat.“
Putin habe keinen Grund, jetzt nachzugeben, da Russland die Oberhand hat.
„Die ukrainische Armee ist in großen Schwierigkeiten, und die Russen rücken langsam, aber stetig vor.“
Eine Niederlage der Ukraine sei unvermeidlich, die von Trump versprochenen Tomahawk-Raketen wirkungslos.
Der militärisch-industrielle Komplex: Ein ewiger Profiteur
Mearsheimer sprach auch über den amerikanischen Rüstungsapparat, der vom Ukraine-Krieg profitiert – aber auch ohne ihn gedeiht.
„Das Pentagon hat einen unersättlichen Appetit“, sagte er. Ob unter Biden oder Trump, beide Regierungen „geben dem Militär so ziemlich alles, was es will“.
Der Krieg in der Ukraine sei nur ein Tropfen im Ozean eines ohnehin aufgeblähten Verteidigungshaushalts.
Ein Hauch von Hoffnung in Moskau
Zum Schluss berichtete Napolitano von seiner Erfahrung an der Moskauer Staatlichen Universität, wo er die „außergewöhnliche Hochachtung“ der Studenten lobte.
Mearsheimer, sichtlich erfreut, bestätigte die Qualität der Studenten und betonte, dass Englisch weltweit die Lingua franca bleibe.
Fazit: Realismus statt Illusionen
Mearsheimers Analyse ist eine kalte Dusche für jene, die in Trumps Initiativen Hoffnung sehen.
Der Gaza-Plan wird scheitern, weil Israel keine palästinensische Selbstbestimmung zulassen wird.
Der Vorstoß gegen Venezuela ist ein unbegründetes Abenteuer.
Und in der Ukraine diktiert Russlands militärische Überlegenheit die Bedingungen, nicht Trumps Verhandlungskünste.
In einer Welt, in der Macht die Währung ist, bleibt Mearsheimer der unerbittliche Buchhalter der Geopolitik – und seine Bilanz ist ernüchternd.

