Ihr nÀchster Kanzler? (Collage:Ansage)
HĂ€lt sich Olaf Scholz in Sachen aktiver Regierungsbildung und Koalitionsavancen wirklich nur deshalb so vornehm zurĂŒck, weil er zunĂ€chst die Vorsondierungen zwischen FDP und GrĂŒnen abwarten will? Oder fĂŒrchtet er insgeheim, dass ihn sein nĂ€chster Lebensabschnitt womöglich gar nicht ins Kanzleramt, sondern hinter schwedische Gardinen fĂŒhrt? Tatsache ist: Der knappe SPD-âWahlsiegerâ hat gute Chancen, der erste Kanzler zu werden, der bei Amtsantritt wegen eines Untreuedelikts unter Anklage steht.
Vergangene Woche hatte Youtuber Tim Kellner aka âLove Priestâ öffentlichkeitswirksam Strafanzeige gegen Scholz erstattet und zugleich die Aktion âDeutschland zeigt anâ ins Leben gerufen, mit der er seine Follower aufforderte, es ihm per vorformuliertem Anzeigeschreiben gleichzutun (Ansage berichtete); dies ist ĂŒbrigens nach wie vor möglich. Zudem empfahl Kellner, die namentlich gegen âSenilus Scholzâ zu erstattende Anzeige an die Staatsanwaltschaft Kiel zu richten und nicht an die Staatsanwaltschaft Hamburg, da er in der Hansestadt â eine durchaus plausible Annahme â politische Einflussnahme auf die Anklagebehörde befĂŒrchtet (immerhin regiert in Hamburg heute Scholzâ SPD-Intimus und Ex-Finanzsenator Peter Tschentschner). Der âLove Priestâ gibt sich hochzufrieden: âDie Razzia geht auf mein Konto. Freue mich natĂŒrlich riesig darĂŒber! Sie werden es natĂŒrlich nicht zugeben, denn diese Schmach werden sie sich nicht eingestehen. Zwinkersmiley!â.
Der Staatsanwaltschaft Dampf gemacht
Die von Kellner losgetretene Lawine an Strafanzeigen hat zumindest insofern schon jetzt ihre Wirkung nicht verfehlt, als sie der Staatsanwaltschaft Sporen machte. Diese vergeudete nĂ€mlich keine Zeit â und startete ihre jĂŒngste Razzia zur absoluten Unzeit fĂŒr Scholz, keine 36 Stunden nach der Bundestagswahl; ein untrĂŒgliches Anzeichen dafĂŒr, wie ernst sie die Lage offenbar einschĂ€tzt: Durchsucht wurden RĂ€umlichkeiten der Hamburger Finanzbehörde und WohnrĂ€ume von Ex-SPD-Haushaltssprecher und Scholz-Vertrauensmann Johannes Kahrs â mit dem Ziel, mögliche Unterlagen sicherzustellen, die eine mutmaĂliche Einflussnahme von Scholz und fĂŒhrenden SPD-Kollegen auf das Hamburger Finanzamt belegen könnten, der Warburg-Bank schlappe 47 Millionen Euro Steuern aus Cum-Ex-GeschĂ€ften zu erlassen.
Die hier federfĂŒhrende Staatsanwaltschaft Köln möchte vor allem wissen, warum die Warburg-Bank die illegalen Steuererstattungen zunĂ€chst einbehalten durfte â und sich ob Scholz sich persönlich hierfĂŒr verwendet hat. Die wĂŒrde den Tatbestand der besonders schweren Untreue erfĂŒllen. Bislang konnten Scholz zwar mehrere persönliche Treffen mit dem einstigen Warburg-Banker Christian Olearius, aber keine Verwicklung in die AffĂ€re nachgewiesen werden. Sollte jedoch eine nachweisliche Einflussnahme ans Licht kommen, dann könnte die â so analysiert die âWirtschaftswocheâ ungerĂŒhrt â âScholz die Kanzlerschaft kostenâ.
Mit Kellners Anzeigen-Appell wurde dem öffentlichen Strafverfolgungsinteresse jedenfalls deutlich Nachdruck verliehen. Dass â auch als Folge hiervon â der Fall nicht unter den Teppich gekehrt wird, sondern engagiert weiterermittelt wird, könnte dazu beitragen, das zuletzt arg ramponierte Vertrauen in den Rechtsstaat ein StĂŒck weit wiederherzustellen.

