Horst D. Deckert

Das andere «Wort zum Sonntag» oder: Die Erneuerung von Freiheit

Die Zahl ist erstaunlich: 63 Prozent, also zwei Drittel aller Deutschen, würden gerne weiterhin «ihre» Maske tragen. Die Tatsache selber ist hingegen weniger erstaunlich. «Ich hab mich einfach dran gewöhnt», hat in dieser Woche eine Bekannte von mir ganz unbefangen gemeint.

Die Bewertungen durch die bisherigen Massnahmenkritiker sind recht eindeutig. Von Gehirnwäsche ist die Rede, von verhängnisvollem Obrigkeitsgehorsam, von mehr als nur latentem Masochismus. Es fiel auch der Vergleich mit dem offenen Vogelkäfig und dass die Menschen das System Corona internalisiert hätten. Das eigene Denken sei ihnen abhanden kommen; es zähle fast nur noch die befohlene Meinung.

Die Menschen würden sich wohl nur dann ungezwungen benehmen, «wenn ihnen Freiheit befohlen wird», ist auf Rubikon zu lesen. Ich denke, in dieser kleinen Bemerkung steckt ein grosses Korn an Wahrheit: dass Freiheit nämlich immer eine zugesprochene ist. Sie nährt sich von einem Gegenüber. Das unterscheidet sie von Willkür, die sich grundlegend eigenmächtig gebärdet.

Man beruft sich für die Freiheit auf eine Verfassung, die Menschenrechte, «die Natur». Diese verbürgen die Freiheit und entziehen damit der Willkür massloser Herrscher. Denn über Meinungen und Massnahmen hinaus sprechen einem jene Instanzen die eigene Freiheit immer neu zu.

Jenen zwei Dritteln sind Blick und das Gespür dafür offenbar weitgehend abhanden gekommen. Sie hatten es irgendwann zugelassen, dass ihnen masslose Menschen dann und wann dieses und jenes kleine Quantum an Freiräumen zusprechen. – Wie kommen sie wieder ‘raus aus dieser Spur?

Die Verwirrung in der Horizontalen ist ziemlich umfassend. Was für den Betreffenden «nur eine Gewöhnung» sein mag, kann sich realiter als eine dargebotene mentale Hundeleine auswirken. Es ist von begrenztem Erfolg, wann man diese Menschen auf ihre qua Verfassung und anderes verbürgten Freiheiten anspricht.

Eine Dimension mehr dürfte nötig sein. Jedenfalls lese und höre ich vor jenem Hintergrund dieses alte Jesuswort ganz neu:

«Wenn euch nun der Sohn frei macht,

so seid ihr wirklich frei.»


Johannes 8,36

Jesus stellt hier den Sohn, der befreit, einem Knecht gegenüber, der von Sünde niedergehalten ist. Aufatmen contra Verwirrung. Beim Sohn sei man «wirklich» frei; wörtlich: «wesensmässig, seiend», also zutiefst.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand, der dies «zutiefst» erfahren hat, sich weiterhin den Mund verbinden und seinen Geist niederhalten lässt. Denn der eigentliche «Freedom Day» hat sich damals am leeren Grab ereignet.

Es stimmt wohl: «Die Wahrheit ist etwas Grösseres, als womit sich die meisten Menschen zufriedengeben.» (Eugen Rosenstock-Huessy)

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Das andere «Wort zum Sonntag» vom 2. April 2022: Der Realismus eines Beters

Lothar Mack war als Gemeindepfarrer und bei verschiedenen Hilfswerken und Redaktionen tätig. Sein kritischer Blick auf Kirche und Zeitgeschehen hat ihn in die Selbständigkeit geführt. Er sammelt und ermutigt Gleichgesinnte über Artikel und Begegnungen und ruft auch an Kundgebungen zu eigenständigem gläubigem Denken auf.

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