Horst D. Deckert

Das Schaufenster einer Nation im Sommer 2022

Vor einem Jahr stand in einem NachDenkSeiten-Artikel unter dieser Überschrift: Ein schönes Wort: Schaufenster. Als Metapher eine ganze Gesellschaft widerzuspiegeln, ist es wohl eine Nummer zu groß, gut. Allein den Begriff „Berlin – Schaufenster einer Nation“ einmal herzunehmen, um sich via Rundgänge durch die Metropole und der Lektüre von Medien der Hauptstadt dieses „Fenster“ anzuschauen, um sich ein Bild zu machen, regt dennoch zum Nachdenken an. Berlin in diesen Wochen und Monaten gesellschaftlich negativ überbordender Energieflüsse anzusehen, hat für den Beobachter viel zum Nachdenken zutage gebracht. Über Berlin, das Land, die Menschen. In diesem Sommer 2022 unternahm ich eine weitere Tour durch unsere Hauptstadt, diesmal mit fotografischen Momentaufnahmen. Von Frank Blenz

Ich habe einen Koffer in Berlin, die fotografischen und die zu Papier gebrachten Eindrücke sind Momentaufnahmen, die in der Kürze zweier Woche entstanden. Ich bin innig der Stadt verbunden. Menschen dieser Stadt sind mir bekannt, befreundet, verwandt, einige Kieze kenne ich beinahe wie aus meiner Westentasche. Die Medien der Hauptstadt „studiere“ ich aufmerksam. Will sagen, es ist nicht nur der Moment, ich bin nah an der Stadt. Und: ich liebe diese Stadt, trotz allem.

Von wegen Mietendeckel.

Die Kurfürstenstraße ist fertig. Also die Neubauten, die schicken Wohnungen für ordentlich viel Geld. Doch das Leben ist nicht perfekt. Denn derweil drehen Frauen, die ihren Körper feilbieten, unter den Balkonen der neuen Neu-Kurfürstenstraßen-Anreiner weiter ihre Runden, wie lange vor dem Neubau. Das Angebot im funkelnagelneuen Supermarkt an selbiger Straße ist schlicht sehr gut sortiert. Die neueste Trendlimonade mit Salbeigeschmack inklusive. Berlin zeigt sich chic, grob, direkt. Viele Leute suchen eine Wohnung, sie locken nun gar mit „Prämien“.

Regierungsviertel – trügerischer Ort der Eintracht

Mitten im August öffneten die Ministerien der Bundesregierung ihre Türen, in große Gebäude der Wichtigkeit strömten Bürger, hörten und schauten sich um in den Räumen der Macht und der wichtigen, überlegten, dem Volke verbundenen Entscheidungen. An der Außenwand des Finanzministeriums warb ein Riesenplakat, sicher nicht billig, mit einem großen Porträt von Finanzchef Lindner auch für eine Visite. Nebenbei: so perfekt mit Fotoshop schön aufgehübscht gab es noch nie einen Politiker (männlich) zu sehen. Und die Tagesthemen jubelten, weil so ein Ansturm in die Zentren der Macht erfolgte und die einfachen Bürger so viel von den Politikern wissen wollten. Klar, es gab ja auch viel zu besprechen, das ist so in der Demokratie. Alle gingen froh nach Hause und dann am Montag ging alles weiter wie bisher. Schön, bei diesen Schauveranstaltungen der Politik gibt es vor allem: Prospekte, Kugelschreiber, Infomaterial und viel Optimismus. Läuft. Ab September gelten dann Verbote wegen Gassparens.

Straßen, Brücken, aussortierte Menschen, das Leben geht weiter

In einem Park in Schöneberg genießen junge, jung gebliebene und alte Menschen die Mittagszeit. Zwei alte Türken spielen Tischtennis, klasse machen sie das. Sie zwirbeln ihre Schläge mit Geschick über das Netz, dass es eine Freude ist, ihnen zuzusehen. Dazu wabert aus ihrem kleinen Bassboxverstärker intensive, treibende Technomusik, der Rhythmus tönt über den ganzen Platz, leise zwar, indes doch so unerbittlich, dass es unmöglich ist auszuweichen. Berliner Sound eben. Eine arme, wohnungslose Frau schläft neben dem Sportwettkampf ihren Rausch aus, sie dreht sich auf der Bank, sie liegt beinah bloß da, junge Leute gleich gegenüber touchiert das nicht, sie reden über das neue Schuljahr, das nun beginnt. Wenigstens ist der Park sauber. Hier und anderswo scheint es den Verantwortlichen egal zu sein, dass zunehmend Menschen im Dreck liegen. Die Verwahrlosung nimmt weiter Fahrt auf.

Vom Dreck der Großstadt

Auch in Kreuzberg (und anderswo) bleibt es dreckig. Der Senat, die Boulevardpresse, Bürger regen sich zwar darüber auf. Änderungsvorschlag: Einfach nichts fallen lassen? Stattdessen werden Konzepte gefordert, doch es fehlen Personal und Technik. In Mitte kurvt ein kräftiger Mann mit seinem Reinigungsfahrzeug nahe der Rosentaler Straße flott über die Gehsteige, der Hertha-Winpel schaukelt froh an der Frontscheibe. Die Besen am Auto drehen sich, der Gehweg bleibt nach der Reinigungsaktion an und für sich weiter ziemlich dreckig. Auch gut. Die Wochenzeitung „Freitag“ dreht den Spieß eben gleichfalls um und feiert den Dreck: „Der elende Dreck aber ist auch voller Kraft.“ Und bangt im Titel wegen einer möglichen hektischen dritten Jahreszeit: „Von der Angst zum Aufstand, das Leben wird für viele unbezahlbar. Stehen wir vor einem heißen Herbst?“. Die Stories über die Revolte saufen derweil beim Lesen ab wie ein Ottomotor beim Anlassversuch.

Berlin Ort des Maskeweitertragens

Das Futurium gleich beim Hauptbahnhof in Mitte wird als Ort der Innovation und der Zukunft beworben. Eintritt kostenlos. Gleich am Eingang werden Besucher recht forsch von Ordnern eingewiesen und die großen Hinweisschilder teilen mit: Mit Abstand und Maske ist der Besuch viel besser. Apropos Maske …

Es war gruselig, als die Delegation des Gesundheitsministeriums zur Pressekonferenz die Treppe heraufschritt – allesamt in Maskenpracht verhüllt. Schwarzer FFP Lock. Die Verkündungen werden später den Lesern in der „Welt“ als Knallhartmaßnahmen verklickert. Berlin spart derweil (schon wieder mal). `Damit wird ja ordentlich was zu holen sein´, der Gedanke kommt beim Besuch eines großen Kaufhauses am Alexanderplatz auf. Einige der langen, ruhig dahin rollenden Rolltreppen sind nicht in Betrieb, der Zugang ist mit Schildern verstellt. Ja. Energie sparen. Okay. Immerhin kommt man mit den anderen zwei Rolltreppen bequem durch den Konsumtempel.

Ein Kaffeehaus, ein Laden voller Leckereien am Tauntzien. Was habe ich da gern gesessen, Zum Frühstück. Vorbei. Tische hoch. Auf einem Schild heißt das „momentan“ (wegen der Pandemie). Ich frage mich wie lange der Moment dauern soll. Kein Verweilen, die Läden sehen aus wie Baustellen und auch sonst ist der Charme wie eingefroren – die Klasse eines Feinkosthändlerunternehmens aus der Region ist dahin, welches meint, dass man im Laden nur dann bequem einkaufen kann, wenn vier oder fünf Menschen im Kundenraum stehen. Da hilft nur ein Besuch raus aus Berlin – nach Potsdam.
Kennen Sie Max Liebermann? Ja, das war einer der wenigen Maler, die im Genre Impressionismus große Werke schufen. In seiner einstigen Villa am Wannsee bei Potsdam befindet sich eine Dauerausstellung, der Ort ist einer der Schönheit und des Wohlstandes, des materiellen, des ideellen. Ein Genuss. Überhaupt reihen sich Villen über Villen am verstellten Ufer des Wannsee, in Potsdam ist dies ebenso zu sehen. Beim Anblick von Jugendstilhäusern, die schöner als des Bundespräsidenten Anwesen sind, kommt Bewunderung auf. Hier scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Heißer Herbst?

Der Krieg

Stau in der Stadt. Ziemlich groß und stabil, alles am frühen Abend. Mit dem Auto muss man um den Potse rumfahren, weit und weiter, um dann vielleicht mal am Gleisdreieck die Richtung ändern zu können. Der Grund: Eine große Demonstration von ukrainischen und anderen Menschen auf der Potsdamer Straße. Im optischen Gegenbild: Das Russische Kulturzentrum an der Friedrichstraße sieht aus wie ein eingemottetes Schlachtschiff. Die Botschaft der Russischen Föderation unter den Linden dito.

Oben und unten, unten und oben

Fahren Sie nach Berlin aus Richtung Wannsee kommend ein, ist am Avus der Funkturm zu sehen, die Ausfahrt verpassen sie bitte nicht, dann konsequent runter von der Schnellstraße in Richtung Kantstraße. Bei der Ampel kurz vor dem ICC erblicken Sie unter einer Brücke ein Szenario, welches so zum in die Knie gehend ist, wie es empörend für unser Land und die ach so engagierten Spitzen ist: eine geradezu als Siedlung zu bezeichnete Notunterkunft von Obdachlosen unter einer Brücke, Dutzende. 2021 waren drei, vier Menschen dort, nun sind es so viele. Da fällt mir wieder das Wort Luxus ein. Man möge mir verzeihen, dass ich Lamborghini fotografiere. Tatsächlich konnte man das vor ein paar Jahren nur mit Glück. Jetzt braucht man einfach nach Charlottenburg zu fahren. Die stehen dort öfters rum.

Die Angst geht weiter um

Am Cotti, dem Verkehrsknotenpunkt Cottbuser Tor, tobt das Leben und Überleben. Unter der prallen Sommersonne schlurfen alte Menschen mit Masken entlang, ein Mann sitzt mit einem großen Tuch (seine Maske), aussehend wie ein Gangster aus einem Winetoufilm, vor seinem Imbiss.

An der Friedrichstraße, gleich neben dem Kulturpalast steht über einer Markthütte aus Holz „Coronatests“. Die Maske in der Armbeuge – sie ist bei einigen Berlinern und Zugereisten noch immer (oder weiter?) fester Bestandteil des Stadtganges. Man bekommt mit: Knallhartmaßnahmen stehen wieder bevor, liest es sich in süffisanter Aufmachung in der Boulevardpresse. Im „Tagesspiegel“ außert sich die Schulsensenatorin und findet, dass man gut vorbereitet sei, unter anderem Dank der vielen Infektionen…

Berlin weiter ein Ort des Suboptimalen

Gerade ist der zig Jahre später fertigestellte und immens teuer gewordene Hauptstadtflughafen in Betrieb und es regnet mal so richtig nach Wochen Sommersonnenschein – schon klappt da nichts mehr.

Der Sommer in Berlin, der ist einer, der sich anfühlt, als führe man im offenen Cabriot mit angezogener Handbremse, zwar sind Leichtigkeit und Quirligkeit zu erleben, dankbar und sehr erfreut quittiert der Mensch diese vorwärtsgewandten Neuigkeiten. Dennoch 2022 fühlt sich erneut fast wie 2021 an. Ob es mal wieder aufwärts geht? Bei der Lektüre vom „Freitag“ kommt mir der Moment in den Sinn, wo ich an einer Berliner Hauswand ein Schild entdecke: „Sprache ist eine Waffe, haltet sie scharf.“ Gesagt von Kurt Tucholsky, Schriftsteller, Zeitkritiker, Gegner des nationalsmus und Militarismus. Und wünsche mir mehr Mut der Schreibenden.

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