Horst D. Deckert

Das Schweigen der Ökonomen

Oft wird argumentiert, dass sich die Regierungen bei der Coronapolitik zu sehr auf Epidemiologen und zu wenig auf Ökonomen verlassen haben. Wie The Daily Sceptic schrieb, hätten sie es zum Beispiel durchweg versäumt, ihre eigene Politik einer strengen Kosten-Nutzen-Analyse zu unterziehen.

Aus Umfragen gehe jedoch hervor, dass viele Ökonomen ebenso sehr für Lockdowns waren wie die Ärzte, Epidemiologen und Wissenschaftler des öffentlichen Gesundheitswesens, die die Regierungen beraten haben, so The Daily Sceptic weiter.

Im April 2020 seien die Mitglieder des «IGM-Panels von Wirtschaftsexperten» (eine Stichprobe von 44 akademischen Ökonomen mit Sitz in den USA) gefragt worden, ob «eine umfassende politische Reaktion auch beinhalten wird, einen sehr starken Rückgang der Wirtschaftstätigkeit zu tolerieren, bis die Ausbreitung der Infektionen deutlich zurückgegangen ist». Von denjenigen, die antworteten, hätten null Prozent nicht zugestimmt.

Darüber hinaus hätten null Prozent der Befragten nicht zugestimmt, dass «die Aufhebung strenger Lockdowns zu einem Zeitpunkt, zu dem die Wahrscheinlichkeit eines erneuten Wiederaufflammens von Infektionen hoch ist, zu einem grösseren wirtschaftlichen Gesamtschaden führen wird als die Beibehaltung der Lockdowns zur Beseitigung des Risikos eines erneuten Wiederaufflammens».

In einer Umfrage unter 47 australischen Wirtschaftswissenschaftlern vom Mai 2020 hätten nur 19 Prozent nicht zugestimmt, dass «der Nutzen für die australische Gesellschaft durch die Beibehaltung von Massnahmen zur sozialen Distanzierung, die ausreichen, um den R-Wert von Covid-19 unter eins zu halten, wahrscheinlich die Kosten übersteigt».

Kaum Warnungen vor Kosten

«Warum befürworten so viele Ökonomen die Lockdowns?», fragt The Daily Sceptic. Mikko Packalen und Jay Bhattacharya (bekannt durch die Great Barrington Declaration) hätten versucht, diese Frage in einem kürzlich erschienenen Essay für Collateral Global zu beantworten.

Sie würden damit beginnen, sich die Ökonomen für ihre uneingeschränkte Unterstützung von Lockdowns vorzunehmen. Natürlich hätten einige Ökonomen die Lockdowns in Frage gestellt, aber die Autoren hätten den Eindruck, dass die meisten das nicht getan haben. Zumindest hätten nur wenige ihre Vorbehalte öffentlich geäussert.

Besonders beunruhigt seien Packalen und Bhattacharya darüber, dass so wenige Ökonomen vor den Kosten der Lockdowns gewarnt haben. Schliesslich sollten Ökonomen doch wissen, dass es «so etwas wie einen Free Lunch» nicht gebe.

Mehrere Gründe

Die Autoren würden eine Reihe von Gründen angeben, weshalb sich so wenige Ökonomen zu Wort gemeldet haben. Erstens hätten Ökonomen den Ruf, etwas geizig zu sein, und seien besorgt darüber gewesen, dass sie sich nicht zu sehr in die Karten schauen liessen. Aus diesem Grund hätten sie in den ersten Monaten der Pandemie gezögert, die Frage nach den Kosten für das Ganze zu stellen.

Zweitens würden Ökonomen – wie fast alle Fachleute – zur «Laptop-Klasse» gehören, also zu den Menschen, die den ganzen Tag an ihren Laptops sitzen. Der Lockdown habe ihr Leben nicht annähernd so stark beeinträchtigt wie das von Kleinunternehmern oder Arbeitnehmern, die nicht von Kurzarbeits-Massnahmen profitieren konnten.

Drittens habe die Wirtschaftswissenschaft mit ihrer zunehmenden Technisierung und Spezialisierung einen deutlich technokratischen Zug angenommen. Trotz der Wurzeln des Fachs in der liberalen politischen Ökonomie, so die Autoren, «herrscht heute der weit verbreitete Glaube vor, dass es für fast jedes gesellschaftliche Problem eine technokratische, von oben nach unten gerichtete Lösung gibt».

Viertens habe die akademische Ökonomie eine recht kuschelige Beziehung zum Grosskapital aufgebaut, insbesondere zu den Investmentbanken der Wall Street und den riesigen Technologiefirmen des Silicon Valley. Es sei daher weniger überraschend, dass «die düstere Wissenschaft sehr wenig zu sagen hatte über die Vorteile der Lockdowns für das Grosskapital».

Packalen und Bhattacharya machen in ihrem Essay viele weitere interessante Beobachtungen. Und sie gehen mit den Ökonomen hart ins Urteil:

«Wenn Wirtschaftswissenschaftler die Augen vor den Problemen in unserer Gesellschaft verschliessen, wie sie es im vergangenen Jahr getan haben, verlieren die Regierungen wichtige Indikatoren, die für die Gestaltung einer ausgewogenen Politik erforderlich sind.»

«Der Berufsstand der Wirtschaftswissenschaftler wird noch lange dafür heimgesucht werden, dass wir es versäumt haben, uns für die Armen, die Arbeiter, die Kleinunternehmer und die Kinder einzusetzen, die die Hauptlast der mit den Lockdowns verbundenen Kollateralschäden zu tragen haben.»

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