Horst D. Deckert

UNTERNEHMER-BERATER, SERIENUNTERNEHMER BZW. MEHRFACHGRÜNDER Parteilos und damit völlig unabhängig von irgendwelchen Parteien, Organisationen, Verbänden, etc. Seit 1971 im Dienst von Inhabern, Geschäftsführern, Unternehmern. 1971: Gründung einer Werbeagentur mit dem Schwerpunkt Marketing für Kleinbetriebe im Alter von 19 Jahren. Seit 1977 Firmengründer in Europa, USA und Südamerika. Fragen?
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Debatte zu Precht und Welzer: Krisen-Berichterstattung muss sich viel mehr hinterfragen (lassen)

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Die Tendenz, Meinungen nicht mehr argumentativ zu diskutieren, sondern moralisierend „einzuordnen“, wurde mit Corona zum Mainstream. Seitdem haben die Scharfmacher das Sagen. Mit dem Ukrainekrieg setzt sich die Uniformität fort. Um gegen diesen Strom zu schwimmen, ohne unterzugehen, kann es helfen, halbwegs prominent sein. Doch selbst als Promi gerät man rasch in schweres Fahrwasser, wie der Philosoph Richard David Precht und der Soziologe Harald Welzer dieser Tage erfahren müssen. Von Katharina Körting.

Einer der volljährigen Söhne erklärte neulich, warum er keine Nachrichten-Apps mehr liest: Es stehe überall dasselbe drin. Seine Meinung finde sich nirgendwo – oder nur als moralisierend herabgewürdigte. Den Leitmedien, die er mitverantwortlich macht für Schul- und Unischließungen, traut er seit den Monaten des so genannten Homeschoolings nicht mehr über den Weg. Er fühlt sich fehlinformiert, manipuliert und nicht repräsentiert. Damit liegt er im Trend: Eine Studie der Universität Bielefeld ergab, dass fast 76 Prozent der Jugendlichen kein Vertrauen in Zeitungen haben.

Vorweg: In der deutschen Medienlandschaft finden sich teils auch gute und wichtige Beiträge. Aber sie scheint sich in Zeiten von Krise, Personalisierung und „Haltungsjournalismus“ einer unguten Flurbereinigung zu unterziehen – von „taz“ bis „Tagesthemen“. Monokultur droht. Mehr als ein Drittel der Deutschen unterstellen den Medien, wichtige Informationen zurückzuhalten. Nur 46 Prozent attestieren ihnen, sie hätten die weitergehenden Auswirkungen des Krieges hinreichend deutlich gemacht, nur 40 Prozent finden, dass die Medien eine Bandbreite unterschiedlicher Perspektiven aufzeigen (Quelle: Jährlicher Bericht des Reuters Institut for the Study of Journalism).

Offenbar besteht die Tendenz:

  • vor allem am Beginn von Krisen zur uniformen Berichterstattung, die sich erst spät, und nur teilweise, diversifiziert
  • zur moralischen, personalisierenden Diffamierung derjenigen, die abweichende Meinungen äußern, und zum Abdrängen von „Abweichlern“ in die rechte Ecke
  • durch Einseitigkeit rechtes Denken erst zu füttern

Die Fähigkeit zur Selbstkritik ist dagegen weniger stark ausgeprägt. Das Medienversagen während der Hochzeit der Corona-Berichterstattung ist den Leitmedien bis heute kaum einer Erwähnung wert, etwa, dass nicht ausreichend über Kinder und Jugendliche berichtet wurde, auch nicht über Depressionen, häusliche Gewalt, Einsamkeit der Alten, Sportverbot für Behinderte. Wer Corona-Maßnahmen diskutabel fand, dem wurden Patienten auf der Intensivstation und Todeszahlen unter die Nase gerieben mit der Anweisung „DAS KANN NIEMAND WOLLEN.“ Schon während der so genannten Flüchtlingskrise wurde dem, der gegenüber dem ungesteuerten Zustrom von Geflüchteten Vorbehalte äußerte, sofort unterstellt, er befürworte das Ertrinken von Menschen im Mittelmeer. Die Tendenz, Meinungen nicht mehr argumentativ zu diskutieren, sondern moralisierend „einzuordnen“, wurde mit Corona zum Mainstream. Seitdem haben die Scharfmacher das Sagen.

Mit dem Ukrainekrieg setzt sich die Uniformität fort

Mittlerweile wird über die Folgen der Kontaktbeschränkungen zwar kritischer berichtet, aber nun ist es zu spät. Und mit dem Ukrainekrieg setzt sich die Uniformität fort. Medienkonsumenten erfahren viel über die Invasion in der Ukraine, zerstörte Wohnhäuser und Infrastruktur, Unterdrückung in den russisch besetzten Gebieten, Massengräber, das Verbrechertum des Aggressors, über Tote, Materialverluste und Niederlagen der russischen Armee. Deutlich weniger und seltener hört man von den Verlusten in der ukrainischen Armee, dem Kriegsrecht in der Ukraine, dem Verbot der russischen Kultur dort, der Unterdrückung der Pressefreiheit oder über der Behandlung so genannter Kollaborateure in den zurückeroberten Gebieten. Auch das, was rund um das russisch besetzte Atomkraftwerk Saporischja passiert – beschießen ukrainische Kampftruppen russische Verbände auf dem Gelände? – wird nicht kritisch hinterfragt. Vorherrschend ist eine tendenziöse, mitunter gar eine Kriegsberichterstattung im Sinne der Ukraine. Als gehe es nicht in erster Linie darum, zu informieren, sondern interpretieren und aktivieren zu wollen, eine Denkrichtung mit Auswahl und Präsentation der Fakten vorgeben zu wollen. Als müssten deutsche Medien die Wehrhaftigkeit der ukrainischen Truppen stärken und deren militärische Unterstützung herbeischreiben.

Wer dies in Frage stellt, dem wird vorgeworfen, er stehe auf der falschen Seite, nämlich bei „den Russen“ oder „den Rechten“. Wer Zweifel hat an der Sinnhaftigkeit von Waffenlieferungen, dem wird unterstellt, russische Vergewaltiger zu fördern – und das „rechte Narrativ“ zu bedienen. Einer, der sich besonders hervortut im Diffamieren, ist Jan Böhmermann. Unterkomplex setzt er (natürlich auf Twitter) die Angst vor einem Dritten Weltkrieg mit der Angst vor Flüchtlingen gleich – beide seien „nur Synonyme für ‚Angst vor deutscher Verantwortung‘“. Unverantwortlich sind demnach immer die Skeptiker, die Zweifler, die Zögernden, Bedachten, Besorgten.

Angebliche „moralische Alternativlosigkeit“

Sowohl in der Ukraine-Debatte als auch bei Corona herrscht eine unterstellte moralische Alternativlosigkeit. Die veröffentlichte Meinungsmehrheit diskreditiert jede Abweichung als rechts. In so einem Klima wird „Frieden schaffen ohne Waffen“ zum rechtsextremistischen Standpunkt. Die Folge: Einheitsmeinung. Man zensiert sich. Man behält das Unbehagen für sich. Auch Medienleute tun dies. Sie passen sich aneinander an – und auf, was sie sagen und schreiben. Denn in der rechten Ecke will niemand stehen. Da können schnell Karrieren zu Ende sein, bevor sie beginnen.

Um gegen diesen Strom zu schwimmen, ohne unterzugehen, muss man entweder tatsächlich am rechten Rand fischen, oder halbwegs prominent sein. Doch selbst als Promi gerät man rasch in schweres Fahrwasser. So wie der Philosoph Richard David Precht und der Soziologe Harald Welzer. „Stellt sich die Frage, wem das Buch eine Hilfe sein soll“, heißt es abschätzig in der „Besprechung“ von „Die vierte Gewalt – Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist“ in der „Süddeutschen Zeitung“. Eindeutig dagegen, wozu diese Rezension dient: der Abwehr. Ihr Autor bringt es fertig, den Eindruck zu erwecken, als habe er, als habe sein Medium mit der Medienkritik null Komma null Prozent zu tun. Dabei gehört die „Süddeutsche“ zu den Medien, die genau das getan haben, was Precht und Welzer kritisieren: konforme, mitunter kampagnenartige, erzieherische Berichterstattung à la „Lassen Sie sich impfen! Halten Sie Abstand! Bleiben Sie gesund!“. „Völlig kenntnisfrei“, behauptet Melanie Amann vom „Spiegel“, seien die Autoren von „Die vierte Gewalt“. Statt es möglichst nah an sich, an das eigene Medium heran und sich zur Selbstreflexion anregen zu lassen, halten sich die Leitmedien, als hätten sie einmal zu oft das Abstandsgebot repetiert, alle Selbstreflexion vom Leib. Im Grunde ist das ein weiterer Beleg für das, was angeblich gar nicht existiert: manipulierende und manipulierte Medien. Statt das eigene journalistische Handeln zu überprüfen, schürt die SZ Misstrauen gegenüber den „Medienkünstler[n]“ Precht und Welzer, die „beide schon länger freiwillig und umfassend an dem von ihnen kritisierten Betrieb teil[nehmen]“.

In dieselbe Kerbe, wenn auch nicht ganz so tief, hauen die Interviewer der „Zeit“, die den „Aufmerksamkeitsprofis“ unterstellen, das Buch geschrieben zu haben, „weil Sie die Aufregung darüber reizt“. Ausgerechnet diejenigen, die zu Recht Diversität und das Hinterfragen eigener Privilegien einfordern (Stichwort „alter, weißer, postkolonialer, sexistischer, binärer Mann“), scheuen Meinungsvielfalt. In der „Welt“ firmieren Precht und Welzer als „Medienclowns“. Böhmermann schlägt am Twitter-Stammtisch„eine deutliche Kennzeichnung von Welzer und Precht (z.B. ein rotes P auf der Stirn bei Precht und ein W bei Welzer)“ vor, um „die langhaarigen Dünkeldeutschen besser auseinanderzuhalten“ und hetzt gewohnt menschenfreundlich: „R. D. Precht, die intellektuelle Pipeline zwischen D u. Russland, ist an mehreren Stellen aufgeplatzt. (…) Jetzt strömt ein hochexplosives Gemisch aus Dummheit, Dünkel, Eitelkeit u. Weißweinschorlemundgeruch unkontrolliert in deutsche Buchhandlungen“. Hihihaha, denen haben wir‘s aber gegeben.

Darum scheint es vor allem zu gehen: um die richtige Seite

Viel interessanter wäre aber doch die Frage, warum nicht nur Böhmermann es offenbar für opportun (oder auch für notwendig) hält, bei gewissen Fragen – Geflüchtete, Impfen, Maskenpflicht, Waffenlieferungen – nur ja nicht „abzuweichen“ oder gar in den Verdacht zu geraten, nicht auf der richtigen Seite zu stehen. Denn darum scheint es zunächst und vor allem zu gehen: um die richtige Seite. Um dieses Anliegen herum gruppieren sich dann die Nachrichten und Kommentare, nicht selten in unzulässiger Weise vermischt. Die Folge: embedded journalism.

Das sieht dann zum Beispiel im Berliner „Tagesspiegel“, so aus: Der Bildaufmacher vom 12. September zeigte einen ernsten Selenskyj mit der Suggestivfrage „Schafft er es doch?“. Die Überschrift des Text-Aufmachers lautete: „Die Zeit der Zögerlichkeit muss vorbei sein“. Das Ende des Artikels nennt eine Meinungsumfrage, die die suggerierte Meinung – mehr Waffen! – des nur scheinbar objektiven Berichtes untermauert. Die Bildunterschrift auf Seite zwei gibt ebenfalls, anstatt zu beschreiben, die Interpretation mit: „Zögerlich. Kanzler Scholz versteckt sich hinter den Nato-Partnern.“

Die Medienkritik von Precht und Welzer gäbe mithin genügend Anlass, die eigenen Unsauberkeiten, Vereinnahmungen, Verstrickungen, Befangenheiten zu hinterfragen. Aber das passiert zu wenig. Es ist nachvollziehbar, dass Kritik am eigenen Berufshandeln nicht schmecken kann und soll, aber die demonstrativ lässige, passiv-aggressive Arroganz überrascht denn doch. Dass in Talkshows die Besetzung der Gäste regelmäßig unausgewogen ist – drei Waffenlieferungsbefürworter gegenüber einem vorsichtigen Skeptiker, eine Pazifistin wird erst gar nicht geladen – tut die „Süddeutsche“ als Einzelfall ab und verweist auf „false balance“ (falsche Ausgewogenheit) – und wann diese falsch wird, entscheidet, unausgesprochen, die total ausbalancierte Homogenität der Waffenlieferungsbefürworter. Dadurch entsteht erst die schon in der Pandemie viel bemühte „false balance“ – so falsch ist sie, dass sie sich ihrer eigenen Schieflage nicht mal bewusst ist. Hatte nicht mal ein Journalist gesagt, Journalisten dürften sich mit keiner Sache gemein mache? Heute würde man ihm fehlende „Haltung“ unterstellen, oder vielmehr: Er würde sich schleunigst eine zulegen, und zwar, gegendert und Achtsamkeits-TÜV-geprüft, die richtige.

Kein Eingeständnis für Medienversagen

Natürlich ist der Vorwurf „Lügenpresse“ absurd. Aber es wird eben oft tatsächlich nicht zuallererst die Wahrheit angepeilt, sondern hier ein Horrorbild von Corona-Toten hinzugefügt, dort die Impfrisiken weggelassen, hier die xte Story heldenhafter Ukrainer, dort das 27. Interview mit Strack-Zimmermann gesendet. Um einen den Berichten vorgeordneten Zweck nicht zu gefährden, der durchaus honorig sein kann – Gerechtigkeit, Anti-Rassismus, Schutz des Lebens, Freiheit für die Ukraine, was auch immer -, wird unzulässig weggelassen und suggestiv gewichtet. Damit nur ja keiner auf dumme Gedanken kommt, bevor die Welt gerettet ist. So heiligen die Mittel den Zweck – und untergraben die Glaubwürdigkeit der vierten Gewalt, und damit die Demokratie.

Der SZ-Rezensent räumt sogar ein, dass es „Journalisten [gibt], die als Aktivisten agieren, oder eben als Emo-Ratgeber“, aber er scheint bombensicher zu sein, dass solcherart Belehrungsjournalismus nicht in den eigenen Reihen zu finden ist. Obwohl es viel gibt, was man den Medien zu verzeihen hätte, wartet man bis heute vergebens auf das Eingeständnis für das von vielen Einzelnen gemeinsam bewirkte Medienversagen.

Leitmedien sollten sich der aus den Unsozialen Medien in die Leitmedien übergreifenden Verquickung von Meinung und Person verweigern. Dann könnten auch die sträflich vernachlässigten Jugendlichen und Studierenden sich wieder mit Gewinn in den Qualitätsmedien informieren.

Titebild: Kastoluza / Shutterstock

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