Horst D. Deckert

Die ominöse Gesellschaft

In der Gruppensphäre gefangen (Symbolbild:Shutterstock)

Schon die Jüngsten haben den Trick drauf, wenn sie einem anderen Kind so richtig etwas einschenken wollen: „Du bist voll doof. Das sagt auch Shanaya-Sophie. Alle sagen das!“ Und plötzlich steht so ein armer Knirps – zumindest gefühlt – vollkommen isoliert vom Rest des Kindergartens, wenn nicht der ganzen ihm bekannten Welt, da. Sein Kontrahent hat sicherlich keine belastbaren Statistiken vorliegen, Meinungsumfragen werden in Kitas eher selten durchgeführt, aber allein der Gedanke, die Isolation könne Fakt sein, ist deprimierend genug.

Auch wenn Erwachsene sich bisweilen nicht viel reifer benehmen als Kita-Kinder – „Neben der Alice Weidel will ich im Bundestag nicht sitzen. Die ist voll doof, alle sagen das!“ – haben sie die Methode des „Wir sind mehr“ doch ein wenig propagandistisch verfeinert. Ob sie es nun ihre „Community“ nennen, „die Gesellschaft“ oder „die Massen“, wie es im klassischen Sozialismus üblich war: Man muss den Eindruck vermitteln, dass diese Gruppe „wie ein Mann“ hinter einer Idee steht, auch wenn die Realität ganz anders aussieht. Oder aber geeint gegen eine andere, als minderwertig gekennzeichnete Auffassung. Wer nicht unter einer Kombination aus Dunning-Kruger-Syndrom und zumindest latent vorhandener Soziopathie leidet, kommt spätestens jetzt ins Grübeln, ob mit ihm etwas nicht stimmt. Ist es nicht Hochmut, sich jetzt nicht zu beugen? Darf ich mir anmaßen, etwas für falsch zu befinden, das doch alle anderen großartig finden: Atomausstieg, Willkommenskultur oder harte Corona-Maßnahmen?

„Die Gesellschaft“ kann zwar gleichzeitig „eklig weiß“ sein oder „gespalten wie nie“ – zum „Gaslightning“ taugt sie noch immer, so wie ein Kugelfisch, der sich bei Feindannäherung bedrohlich aufbläst. Und da es den Verfechtern des „Guten“ stets um nichts Geringeres geht als das Wohl der gesamten Menschheit – worin auch immer das bestehen mag -, dürfen sie sich offenbar im Gegenzug auch einmal ihrer bedienen, um ihre politischen Absichten durchzusetzen. Und wenn das nicht unwidersprochen durchsetzbar ist, muss man die eigenen Waffen gegen den politischen Feind einsetzen: Angeblich ist er es, der bestimmte Zwangsmaßnahmen, mit denen „die Gesellschaft“ in die gewünschten Bahnen gelenkt wird, frei erfunden haben soll. So wie es dieser Tweet behauptet:

(Screenshot:Twitter)

Am Thema „cancel culture“ ließ sich das in den letzten Jahren gut beobachten: Obwohl es immer wieder vorkommt, dass Autoren und auch Kabarettisten von der Bühne und aus Veranstaltungen herausgedrängt werden – und das nicht nur mit der Androhung wirtschaftlicher Nachteile – wird diese Form der Zensur immer wieder unter fadenscheinigen Gründen geleugnet. Ironischerweise mit dem Argument der Freiheit des Veranstalters. Auch den Zwang zur politischen Korrektheit gibt es angeblich nicht, obwohl die Medien voll von Begriffen sind, die man ihrer Aufforderung gemäß nicht mehr benutzen darf. Nun hat es sogar den Toast Hawaii getroffen, der fortan Ananastoast heißen soll – wegen des Kolonialismus. Bis irgendjemanden einfällt, dass auch das Essen von Ananas kulturelle Aneignung ist – wie beim bereits verpönten Curry.

Nun ist es in einer Demokratie vollkommen legitim, um Mehrheiten zu kämpfen – schließlich werden diese unser späteres Schicksal bestimmen. Aber hier wird wieder einmal versucht, schon das Werben um diese Mehrheiten zu verhindern. Indem man suggeriert, die Menschen wüssten schon genau, was sie wollen – jede Einmischung sei lediglich Manipulation. Es ist schon dreist, die eigenen Methoden dem Gegner anzulasten.

Und so schwimmt mancher Bürger gar nicht gegen den Strom, wenn er die aktuelle Migrationspolitik kritisiert, er soll es nur glauben, damit er sich wie ein Unmensch fühlt. Der Widerstand, den er leisten müsste, um seine Meinung zu vertreten, ist längst nicht so groß, wie ihm eingeredet wird. Die politisch korrekten Akteure mögen lautstark sein, bilden aber keineswegs – wie sie glauben machen wollen – die Mehrheit ab, in der die Bürger mit ihren Ideen so gar nichts anfangen können.

Spaltung der Gesellschaft heißt auch, die Kommunikation untereinander zu verhindern, damit sich Bürger nicht miteinander vernetzen können. Man muss also eventuell nur ein Stückchen gegen den Strom schwimmen, um dann Gleichgesinnte zu treffen. Das Wichtigste ist aber, sich eine gewisse geistige Autonomie zu bewahren und sich nicht verunsichern zu lassen. Dann klappt es auch mit der authentischen Mehrheitsfindung.

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