Die israelische Gesellschaft bejubelt das Schlachthaus von Gaza und sieht im Völkermord kein Verbrechen, sondern eine Utopie.
Von Chris Hedges
Israelis sehen die Bilder der skelettierten Leichen palästinensischer Kinder, die sie zu Tode hungern lassen, nicht als Fluch. Sie sehen die getöteten Familien, die sie an Lebensmittelzentren niederschießen – nicht um Hilfe zu leisten, sondern um hungernde Palästinenser in ein Massenkonzentrationslager im Süden des Gazastreifens zu locken, zur Vorbereitung der Deportation – nicht als Kriegsverbrechen. Sie sehen die grausame Bombardierung und den Beschuss, bei dem Dutzende von palästinensischen Zivilisten getötet oder verwundet werden, wo durchschnittlich 28 Kinder täglich sterben, nicht als etwas Außergewöhnliches. Sie sehen das Ödland des Gazastreifens, das von Bomben zerfetzt und systematisch von Bulldozern und Baggern niedergerissen wurde, mit dem Ziel, praktisch die gesamte Bevölkerung von Gaza obdachlos zu machen, nicht als barbarisch. Sie sehen nicht die Zerstörung von Wasseraufbereitungsanlagen, die Dezimierung von Krankenhäusern und Kliniken, in denen Ärzte und medizinisches Personal oft durch Unterernährung geschwächt arbeitsunfähig sind, nicht als Akt der Wildheit. Sie nehmen die Ermordung von Ärzten und Journalisten – von denen 232 getötet wurden, weil sie versuchten, das Grauen zu dokumentieren – nicht wahr.
Die Israelis haben sich moralisch und intellektuell verblendet. Sie sehen den Genozid durch die Brille einer bankrotten Medien- und Politikerklasse, die ihnen nur erzählt, was sie hören wollen, und ihnen nur zeigt, was sie sehen wollen. Sie sind berauscht von der Macht ihrer industriellen Waffen und der Lizenz, ungestraft zu töten. Sie sind trunken von Selbstbeweihräucherung und der Fantasie, dass sie die Vorhut der Zivilisation sind. Sie glauben, dass die Ausrottung eines Volkes, einschließlich der Kinder, die als menschliche Verunreinigung verurteilt werden, die Welt, insbesondere ihre Welt, zu einem glücklicheren und sichereren Ort macht.
Sie sind die Erben von Pol Pot, die Mörder von Osttimor, Ruanda und Bosnien – und ja, auch der Nazis. Israel, wie alle genozidalen Staaten – keine Bevölkerung seit dem Zweiten Weltkrieg wurde mit solcher Geschwindigkeit und Rücksichtslosigkeit enteignet und ausgehungert –, hat eine „Endlösung“, die Adolf Eichmanns Zustimmung gefunden hätte.
Hunger war immer der Plan, das vorherbestimmte letzte Kapitel des Völkermords. Israel setzte von Anfang an systematisch darauf, die Nahrungsmittelquellen zu zerstören, bombardierte Bäckereien und blockierte Lebensmittelhilfen nach Gaza – insbesondere seit März, als es nahezu alle Lieferungen kappte. Es griff das UN-Hilfswerk UNRWA – auf das die meisten Palästinenser angewiesen waren – an und warf seinen Mitarbeitern ohne Beweise Beteiligung an den Angriffen vom 7. Oktober vor. Diese Anschuldigungen dienten als Vorwand, damit Geber wie die USA, die 2023 rund 422 Millionen Dollar beisteuerten, die Finanzierung einstellten. Israel verbot daraufhin die UNRWA.
Laut UN-Menschenrechtsbüro wurden über 1.000 Palästinenser von israelischen Soldaten und US-Söldnern getötet, als sie versuchten, eines der wenigen Hilfspakete bei vier offiziellen Verteilstellen zu ergattern, die jeweils nur eine Stunde geöffnet sind.
Nachdem Gaza durch 21 Monate Bombardierung in eine Mondlandschaft verwandelt worden war, nachdem die Palästinenser gezwungen waren, in Zelten oder unter Plastikplanen zu leben, nachdem sauberes Wasser, Nahrung und medizinische Hilfe kaum noch erreichbar waren, nachdem die Zivilgesellschaft ausgelöscht war, begann Israel mit seiner düsteren Kampagne, die Palästinenser auszuhungern.
Laut UN verbringt ein Drittel der Bevölkerung in Gaza mehrere Tage am Stück ohne Nahrung.
Der 1,5-jährige Muhammad Zakariya Ayyoub al-Matouq leidet unter lebensbedrohlicher Mangelernährung. Sein Gewicht ist von 9 auf 6 kg gesunken. In einem Zelt in Gaza-Stadt kämpft er ums Überleben – ohne Milch, Nahrung oder andere Grundbedürfnisse. Bild; Ahmed Jihad Ibrahim Al-arini/Anadolu via Getty Images)
Hunger ist kein schöner Anblick. 1988 berichtete ich aus dem vom Hunger gezeichneten Sudan – rund 250.000 Menschen starben. Ich trug Narben in der Lunge davon, weil ich stundenlang unter Tuberkulosekranken stand. Ich war stark. Sie waren schwach. Und sie starben.
Ich sah hunderte skelettierter Gestalten, die sich in quälend langsamem Tempo über die Landschaft schleppten. Hyänen, die an Menschenfleisch gewöhnt waren, rissen Kleinkinder davon. Ich stand über bleichen Knochensammlungen – Menschen, zu schwach zum Gehen, hatten sich hingelegt und starben.
Die Ausgehungerten essen Tierfutter, Gras, Blätter, Insekten, Schmutz. Sie leiden an Durchfall, Atemwegserkrankungen, Vitaminmangel, Nierenversagen, Organverfall. Sie sind apathisch, wollen nicht berührt werden. Der Herzmuskel kollabiert. Kinder, Alte, Kranke sterben schneller. Es ist ein Todesprozess über 40 Tage – das ist die Zukunft, die Israel Gaza bestimmt hat.
Doch Israel sieht kein Grauen. Es sieht ein Paradies: einen ethno-nationalistischen jüdischen Staat ohne Palästinenser, deren Land man gestohlen, besetzt, ihre Menschen unterjocht hat. Man sieht Cafés, Hotels, Touristenstrände – Visionen, verstärkt durch ein von Israels Ministerin Gila Gamliel gepostetes KI-Video: Yachten, Hotels, ein Trump Tower am Ufer. Auch Trump und Netanjahu schreiten darin entlang.
Diese „freiwillige Emigration“, so nennen es israelische Führer, ist in Wahrheit ein Ultimatum: Geht – oder sterbt.
Israels Finanzminister Bezalel Smotrich will den Gazastreifen annektieren. Bei einer Konferenz mit dem Titel „Die Gaza-Riviera – von der Vision zur Realität“ verkündete er: Gaza werde „ein untrennbarer Teil Israels“, Trump unterstütze den Plan. Er will die Gazaner „in andere Länder umsiedeln“.
Der israelische Kultusminister Amichai Eliyahu sagte: „Ganz Gaza wird jüdisch sein.“ Er nannte Palästinenser Nazis. „Gott sei Dank, wir tilgen dieses Böse.“
Wie einst die Nazis träumen Völkermörder von der Ausrottung indigener Bevölkerungen – und vom Aufbau eines ethnischen Staates. Doch sie bedenken nicht das Dunkel, das sie entfesseln. So wie nie eine moderne serbische Hauptstadt auf den Trümmern Bosniens entstand, so wird auch kein Israelisches Paradies am Gazastreifen entstehen.
Es werden Plattenbauten voller Ultra-Nationalisten entstehen – wie die Milizen im Westjordanland, die Land rauben und morden. Diese Extremisten werden Israel prägen – wie einst die Pancasila-Jugend in Indonesien, die 1965 eine halbe Million Menschen ermordete.
Diese Schläger, bewaffnet mit Sturmgewehren vom Staat, lynchten den 20-jährigen US-Palästinenser Saifullah Musallet, weil er das Land seiner Familie verteidigte. Er ist der fünfte US-Bürger, der im Westjordanland seit Oktober getötet wurde.
Nach den Palästinensern werden sich diese Milizen gegeneinander wenden.
Der Genozid bedeutet das Ende jeglicher Rechtsstaatlichkeit – für Palästinenser wie für Israelis. Israel hat seine Seele verloren. Wenn es in diesem Verbrechen irgendeine perverse Gerechtigkeit gibt, dann die, dass die Täter in moralischer Leere miteinander weiterleben müssen.

