Horst D. Deckert

Die Zertifizierung des Menschen

Derzeit etabliert sich eine Kultur der pauschalen „Unwillkommenheit“, in welcher wir erst beweisen müssen, dass wir in der Gesellschaft daseinsberechtigt sind.

Wir leben in einer Zeit, in der neue Maßstäbe des sozialen Lebens und neue soziale Kategorien wie „Geimpfte“ und „Ungeimpfte“ geschaffen werden. Diese Kriterien sind unter humanistischen Gesichtspunkten höchst fragwürdig, beherrschen jedoch trotzdem unsere öffentlichen und privaten Diskurse. Hatte man vor ein paar Monaten noch auf einen zumindest teilweise normalen Alltag gehofft, weil die Erlösung versprechenden Impfstoffe ausreichend verfügbar sind, so ist heute klar: die Befreiung ist doch nicht so einfach zu bekommen. Die neuen, derzeit geltenden Maßnahmen lassen den Schluss zu, dass es für die Bevölkerung kein Zurück in die alte, sondern nur noch ein Vorwärts in die neue Normalität gibt.

Aus den unsäglichen sozialen Grußformeln „Ich bin negativ“ und „Ich bin geimpft“ ist nun eine gesetzliche Regelung geworden: Wir alle haben ab sofort eines der 3G, das heißt getestet, geimpft oder genesen, zu sein. Eine vierte Kategorie für gesund ist nicht angedacht, weil der gesunde Mensch als symptomfreier Infizierter dem Irrtum erliegen könnte, sich für gesund und für seine Umwelt unbedenklich zu halten. Wer bis vor einem Jahr mit Husten und Schnupfen über der Tastatur schnäuzend gearbeitet hat, um ein Projekt fertigzustellen oder um die leistungsfordernden Vorgesetzten nicht zu enttäuschen, darf von nun an nur dann arbeiten, wenn er oder sie mit einem digitalen Zertifikat nachweisen kann, behördlich geprüft und zur Arbeit zugelassen zu sein.

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