Horst D. Deckert

Grönland, Washingtons Vorposten: Wie die USA Dänemark von seinem eigenen Territorium aus belehren

Es klingt wie eine Szene aus einem dystopischen Roman: Ein US-Vizepräsident steht auf einem amerikanischen Militärstützpunkt im eiskalten Grönland – und rügt Dänemark dafür, dass es zu wenig in die „Sicherheitsarchitektur“ des Landes investiert habe. Nur dass das kein Roman ist, sondern Realität im Jahr 2025.

„Sie haben gegenüber der Bevölkerung Grönlands keine gute Arbeit geleistet. Sie haben zu wenig in die Bevölkerung und die Sicherheitsarchitektur investiert … das muss sich ändern.“

🇩🇰 JD Vance threatens Denmark in Greenland:

“Our message to Denmark is very simple: you have not done a good job by the people of Greenland. You have underinvested in the people, and the security architecture… that has to change.” pic.twitter.com/xdsxImI7r1

— HOT SPOT (@HotSpotHotSpot) March 28, 2025

Diese Worte stammen von J.D. Vance – gesprochen mit ernster Miene, militärischem Hintergrund und der Selbstverständlichkeit einer Hegemonialmacht. Dass Grönland ein Teil des dänischen Königreichs ist? Spielt keine Rolle mehr. Dass die USA selbst den größten sicherheitspolitischen Fußabdruck auf der Insel hinterlassen haben? Ebenfalls irrelevant.

Doch wer genau hinhört, erkennt die groteske Ironie hinter dieser Szene.

Die Besatzungsmacht gibt sich als Lehrmeister

Denn was hier passiert, ist nichts anderes als ein geopolitisches Paradoxon:
Die Macht, die sich auf fremdem Territorium militärisch eingenistet hat, kritisiert das eigentliche Mutterland – Dänemark – für angebliches Versagen in ebendieser Region.

Der Skandal liegt nicht in der Kritik an sich. Vielleicht stimmt es sogar, dass Kopenhagen Grönland über Jahrzehnte politisch, wirtschaftlich und militärisch vernachlässigt hat.
Doch die Absurdität liegt in der Tatsache, wer diese Kritik äußert – und von wo aus.

Man stelle sich das Szenario umgekehrt vor: Der dänische Premierminister belehrt Washington aus einer dänischen Militärbasis in Alaska über den Umgang mit den Inuit. Undenkbar. Aber genau das macht J.D. Vance – und niemand scheint den imperialen Zungenschlag zu bemerken.

Die Souveränitätsfalle

Die Wahrheit ist: Dänemark hat seine Souveränität in Grönland längst aufgegeben – freiwillig, stillschweigend, systematisch. Jahrzehntelang duldete man die amerikanische Militärpräsenz – erst als Teil der NATO, später als „strategisches Erfordernis“. Doch wer sich auf eine Schutzmacht verlässt, muss früher oder später akzeptieren, dass sie auch der neue Hausherr ist.

Und nun wird Dänemark von genau jenem Akteur gemaßregelt, vor dem es Grönland eigentlich hätte schützen sollen.

Hätte Dänemark investiert, Verantwortung übernommen und die Insel geopolitisch ernst genommen, bräuchte es heute keine Ratschläge aus Washington – und keinen US-Stützpunkt, von dem aus diese Ratschläge erteilt werden.

Geopolitische Pädagogik oder Kalter Realismus?

Die Aussagen von Vance sind kein Ausrutscher. Sie sind Teil eines neuen Arktis-Narrativs: Die USA wollen ihren Einfluss in der Region festigen, China und Russland ausmanövrieren – und dafür brauchen sie Kontrolle über Grönland. Was früher still über Verträge geregelt wurde, wird heute öffentlich erklärt:
Washington gibt den Ton an – und Kopenhagen hat zuzuhören.

Das eigentliche Drama ist nicht Vance’ Tonfall, sondern Dänemarks Rolle. Ein westliches Land, NATO-Mitglied, demokratisch und souverän – und doch faktisch entmachtet auf eigenem Boden.
Wer sich auf Imperien verlässt, muss mit imperialem Gehabe leben.

Fazit:
Grönland ist heute nicht nur ein geopolitischer Brennpunkt. Es ist ein Mahnmal für die Erosion nationaler Eigenständigkeit in Zeiten globaler Machtverschiebung.
Wenn J.D. Vance aus einem US-Stützpunkt in Grönland heraus erklärt, was Dänemark zu tun habe, dann ist das nicht nur Ironie –

Es ist das lehrbuchhafte Ende der Illusion, man könne sich einem Imperium anvertrauen, ohne irgendwann von ihm beherrscht zu werden.

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