Ein Team unter der Leitung von Dr. Anna-Karin Lidström und Kollegen des Universitätsklinikums Uppsala sowie einem Mitarbeiter der Universität Groningen (Niederlande) berichtet in der Fachzeitschrift Vaccine über die Ergebnisse einer Untersuchung zu unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW) und Antikörperreaktionen bei 3 805 schwedischen Beschäftigten im Gesundheitswesen, die im Jahr 2021 geimpft wurden.
Die Hypothese: Nebenwirkungsprofile, Krankenstände und Antikörpertiter könnten je nach Impfschema, Alter, Geschlecht und Zeit seit der Impfung variieren. Die Ergebnisse weisen auf erhebliche, messbare betriebliche Auswirkungen auf das Krankenhauspersonal hin – und auf impfstoffspezifische Unterschiede sowohl bei den Nebenwirkungen als auch bei der Immunantwort.
Studiendesign & Methode
Die Forscher führten eine prospektive Beobachtungsstudie an Beschäftigten im Gesundheitswesen durch, die zwei Primärdosen eines COVID-19-Impfstoffs erhalten hatten. Untersucht wurden folgende Regime: Comirnaty (Pfizer-BioNTech), Spikevax (Moderna), Vaxzevria (AstraZeneca) sowie zwei heterologe Kombinationen (Vaxzevria + Spikevax, Vaxzevria + Comirnaty).
Die Teilnehmer füllten strukturierte Fragebögen zu Nebenwirkungen aus und unterzogen sich 30 bis 100 Tage nach der Impfung einem SARS-CoV-2-Anti-Spike-IgG-Test (Anti-S-IgG). Mittels multivariabler Regression wurden Zusammenhänge zwischen Impfstofftyp, demografischen Daten, Antikörperspiegeln und ADR-Kategorien analysiert.
Ergebnisse
Der Kontrast zwischen den Impfstoffregimen war deutlich. In einer der umfangreichsten Real-World-Untersuchungen zu COVID-19-Impfstoffnebenwirkungen bei Beschäftigten im Gesundheitswesen zeigte sich:
- Die Krankheitsquote nach der Impfung schwankte stark – von nur 12 % bei zwei Dosen Comirnaty bis zu 48 % bei der Mischimpfung Vaxzevria + Spikevax.
- Dieses Gefälle bedeutet ein erhebliches operatives Risiko für ohnehin belastete Krankenhäuser.
Auch das Nebenwirkungsmuster war klar erkennbar: Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen, Müdigkeit sowie Muskel- oder Gelenkschmerzen traten bei Spikevax und heterologen Kombinationen deutlich häufiger auf als bei Comirnaty.
Die statistischen Unterschiede waren markant: Im Vergleich zu Comirnaty war die Wahrscheinlichkeit für Fieber oder Schüttelfrost bei Vaxzevria bis zu zehnmal höher; die Wahrscheinlichkeit für Arbeitsausfall lag bei Spikevax oder den gemischten Regimen drei- bis sechsmal höher.
Bei der Immunantwort erzielte Spikevax die höchsten durchschnittlichen Antikörperspiegel, gefolgt von Vaxzevria + Spikevax, während Vaxzevria allein am schwächsten abschnitt.
Jüngere Empfänger zeigten nicht nur stärkere Antikörperreaktionen, sondern auch mehr Nebenwirkungen. Männer berichteten generell über weniger Nebenwirkungen als Frauen – ein Trend, der bereits aus anderen Studien bekannt ist. Die Häufung systemischer Symptome deutet auf gemeinsame physiologische Auslöser hin, vermutlich im Zusammenhang mit der Immunaktivierung.
Schwere Reaktionen wie Anaphylaxie traten selten auf, doch die große Zahl an Mitarbeitenden, die nach der Impfung einen oder mehrere Krankheitstage hatten, verursachte spürbare kurzfristige Kosten im Gesundheitssystem. Daraus folgt: Impfstoffwahl und Einführungsstrategie können die Einsatzbereitschaft direkt beeinflussen – ein wichtiger Faktor für künftige Massenimpfkampagnen.
Einschränkungen
In der Studie waren jüngere Frauen überrepräsentiert – dies spiegelt die Demografie im Gesundheitswesen wider, schränkt aber die Übertragbarkeit ein. Die Nebenwirkungen wurden per Selbstauskunft erfasst, was Erinnerungsverzerrungen möglich macht. Daten zu vorangegangenen COVID-19-Infektionen wurden nicht erhoben, obwohl diese das Nebenwirkungsprofil beeinflussen könnten.
Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelte, lässt sich Kausalität nicht belegen. Die Impfstoffvergabe basierte auf Verfügbarkeit und Politik, nicht auf Randomisierung.
Zwar berichteten 1,7 % bis 6,9 % der Teilnehmenden über anhaltende Symptome (häufig Kopfschmerzen, Müdigkeit oder lokale Schmerzen), doch gab es in dieser Kohorte keine Hinweise auf langfristige Behinderungen, Krankenhausaufenthalte oder bleibende Schäden durch die COVID-19-Impfstoffe. Die Studie war jedoch nicht darauf ausgelegt, Morbidität zu erfassen, sondern auf Reaktogenität und Personalfolgen.
Finanzierung & Offenlegung
Finanziert durch die Olinder-Nielsen-Familienstiftung. Es wurden keine Interessenkonflikte gemeldet.
Schlussfolgerung & Implikationen
Die praxisnahe Studie zeigt: Schwere impfstoffbedingte Schäden waren zwar selten, doch bestimmte Impfschemata führten zu deutlichen Beeinträchtigungen des Gesundheitspersonals in einer kritischen Pandemiesituation. Die Autoren empfehlen, künftige Massenimpfkampagnen – vor allem mit neuen Plattformen – zeitlich zu staffeln und Notfallpläne vorzusehen, um Betriebsstörungen zu minimieren.
Für Entscheidungsträger ergibt sich: Bei Impfstoffauswahl und -einsatz in Schlüsselgruppen müssen klinische Sicherheit und organisatorische Belastbarkeit berücksichtigt werden.
TrialSite Evidence Strength Indicator
| Faktor | Punktzahl (0–10) | Begründung |
|---|---|---|
| Studiendesign & Maßstab | 8 | Große, reale Kohorte aus dem Gesundheitswesen; prospektives Design |
| Statistische Strenge | 8 | Multivariable Regression; klare Stratifizierung |
| Einschränkungen der Daten | 6 | Selbstberichte; keine Daten zu Vorinfektionen; Beobachtungsverzerrung |
| Finanzierung & COI-Transparenz | 10 | Transparente Finanzierung; keine relevanten Konflikte |
| Anwendbarkeit in der Praxis | 9 | Hohe Relevanz für Personal- und Strategieplanung im Gesundheitswesen |
Gesamtwertung: 82 % – Starke Real-World-Belege mit moderaten Einschränkungen
Quelle: Lidström, A.-K., Albinsson, B., Sund, F., et al. Adverse drug reactions following SARS-CoV-2 vaccination of 3805 healthcare workers cause substantial sick-failure and are correlated to vaccine regimen, age, sex and serological response. Vaccine, vol. 62, 30 Aug. 2025, 127553. doi:10.1016/j.vaccine.2025.127553.

