Von ELENA FRITZ | Die Beziehungen zwischen Russland und Aserbaidschan haben sich in den vergangenen eineinhalb Jahren deutlich abgekühlt. Während beide Staaten bis 2022 eng miteinander kooperierten und Russland in Aserbaidschan einen wirtschaftlich wie sicherheitspolitisch relevanten Partner sah, herrscht heute eine spürbare Distanz – diplomatisch wie strategisch. Der Wandel vollzog sich nicht abrupt, sondern war das Ergebnis struktureller Verschiebungen, divergierender außenpolitischer Prioritäten und veränderter regionaler Machtkonstellationen.
Historisch galt Russland als Schutzmacht Aserbaidschans, vor allem seit den frühen 1990er-Jahren. Nach dem Ende des Bergkarabach-Kriegs 1994 und der Machtübernahme durch Heydar Aliyev etablierte sich ein kooperationsbasiertes Verhältnis zwischen Moskau und Baku, das durch wirtschaftliche Verflechtungen – etwa über die aserbaidschanische Diaspora in Russland – und sicherheitspolitische Abstimmungen getragen war. Russland hatte sich in dieser Phase erfolgreich als Vermittler zwischen den Konfliktparteien Armenien und Aserbaidschan etabliert. Der eingefrorene Status von Bergkarabach – völkerrechtlich Teil Aserbaidschans, faktisch aber unter armenischer Kontrolle – schuf einen Rahmen, in dem Russland als Garant der Stabilität im Südkaukasus auftreten konnte.
Diese Balance geriet spätestens mit dem Regierungswechsel in Armenien im Jahr 2018 ins Wanken. Der Amtsantritt von Ministerpräsident Nikol Paschinjan – unterstützt durch eine gesellschaftlich getragene Reformbewegung – wurde in Moskau kritisch bewertet. Die russisch-armenischen Beziehungen kühlten sich ab, während Moskau gleichzeitig bemüht war, die Kooperation mit Baku weiter auszubauen. Die wachsende energiepolitische und militärische Zusammenarbeit Aserbaidschans mit der Türkei wurde dabei nicht als unmittelbare Herausforderung gewertet.
Der Wendepunkt: Karabach-Konflikte 2020 und 2023
Ein zentraler Wendepunkt war die Militäroffensive Aserbaidschans in Bergkarabach im Jahr 2020. Russland verzichtete auf eine offene Verurteilung der aserbaidschanischen Operation und vermittelte stattdessen ein Waffenstillstandsabkommen, das von russischen Friedenstruppen überwacht werden sollte. Die Operation wurde von Teilen der russischen Führung als Möglichkeit gesehen, den Einfluss Armeniens unter Paschinjan zurückzudrängen, ohne das Verhältnis zu Aserbaidschan zu gefährden. Der zweite militärische Vorstoß Aserbaidschans 2023, der zur vollständigen Kontrolle des Gebiets führte, wurde von Moskau ebenfalls hingenommen.
Diese Passivität hatte jedoch strategische Folgen. Während Aserbaidschan seine territorialen Ziele erreichte und die Abhängigkeit von Russland faktisch reduzierte, verlor Russland eine wichtige Einflussposition im Südkaukasus – ohne dafür klare Gegenleistungen zu erhalten. Aserbaidschan intensivierte seine Kooperation mit der Türkei und Israel, insbesondere im Bereich der Rüstungstechnologie. Parallel kam es zu einer Verschlechterung der Beziehungen zwischen Baku und Teheran, nachdem Berichte über die Nutzung des aserbaidschanischen Luftraums durch israelische Aufklärungsdrohnen bekannt wurden.
Ökonomische Faktoren und strategische Divergenzen
Auch wirtschaftlich traten Spannungen zutage. Aserbaidschan hatte auf die Etablierung eines türkischen Gashubs gesetzt, der als Verteilerplattform für Energieexporte nach Europa dienen sollte – unter Einbindung russischer Gasströme. Diese Pläne wurden in Moskau skeptisch gesehen und blieben weitgehend unverwirklicht. Hinzu kommt die Blockade des Transits aserbaidschanischer Energie durch die Ukraine, wodurch Aserbaidschan ein wichtiger Absatzmarkt entzogen wurde.
Zudem kam es in Russland zu verstärkten Maßnahmen gegen kriminelle Strukturen, die mit Teilen der aserbaidschanischen Diaspora in Verbindung gebracht werden. Die Zerschlagung dieser Netzwerke traf auch ökonomische Interessen bestimmter aserbaidschanischer Eliten, die bis dahin von informellen Verbindungen profitiert hatten.
Diplomatische Zurückhaltung trotz offener Reibungspunkte
Obwohl die Konfliktlinien deutlich erkennbar sind, reagierte die russische Regierung bislang zurückhaltend. Die diplomatischen Instrumente beschränkten sich auf das Einbestellen des aserbaidschanischen Botschafters und die Übergabe einer Protestnote. Offiziell wird auf russischer Seite von nicht näher benannten externen Akteuren gesprochen, die ein Interesse an einer Verschlechterung der Beziehungen hätten. Diese Formulierung lässt Interpretationsspielraum offen und ermöglicht es, eine Eskalation vorerst zu vermeiden.
Gleichzeitig mehren sich Anzeichen, dass die russische Seite mit Blick auf Aserbaidschan strategische Optionen prüft – etwa durch eine vorsichtige Wiederannäherung an Armenien oder eine Intensivierung der Zusammenarbeit mit dem Iran. Konkrete Schritte sind bislang jedoch nicht bekannt.
Perspektiven
Kurzfristig ist nicht mit einer Normalisierung der russisch-aserbaidschanischen Beziehungen zu rechnen. Die außenpolitische Orientierung Bakus bleibt klar westlich und türkei-affin, während Russland auf ein Netzwerk regionaler Partnerschaften setzt, das Aserbaidschan aktuell nicht mehr einschließt. Die sicherheitspolitische Zusammenarbeit ist faktisch ausgesetzt, wirtschaftliche Interessen divergieren. Es ist jedoch denkbar, dass sich das Verhältnis mittelfristig wieder stabilisiert – etwa im Kontext geopolitischer Verschiebungen oder personeller Veränderungen in der politischen Führung beider Länder.
Langfristig hängt die Entwicklung der bilateralen Beziehungen stark von der internationalen Lage, der regionalen Sicherheitsarchitektur sowie der innenpolitischen Dynamik in Baku ab. Die russische Regierung signalisiert derzeit keine Bereitschaft zur Konfrontation, versucht aber, ihre verbliebenen Einflusskanäle zu sichern. Ob dies gelingt, ist offen.
PI-NEWS-Autorin Elena Fritz, geboren am 3.10.1986, ist vor 24 Jahren als Russlanddeutsche nach Deutschland gekommen. Nach ihrem Abitur hat sie Rechtswissenschaften an der Universität Regensburg studiert und erfolgreich mit einem Diplom abgeschlossen. Seit 2018 engagiert sie sich in der AfD, war von 2019 bis 2021 im bayerischen Landesvorstand tätig und wurde am 15. November zur Direktkandidatin der AfD für den Wahlkreis Landshut/Kelheim bei der Bundestagswahl 2025 nominiert. Sie ist stolze Mutter eines Jungen. Hier gehts zum Telegram-Kanal von Elena Fritz.
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