OpenAI-CEO Sam Altman treibt die Einführung seiner biometrischen Identitätsplattform „World ID“ voran – nicht mehr in erster Linie gegenüber Behörden, sondern gezielt im Finanzsektor. Auf einer Konferenz der US-Notenbank zur Bankenregulierung präsentierte Altman die Iris-Scan-basierte Lösung als notwendigen Schutz gegen eine Welt, in der die künstliche Intelligenz die Authentifizierungssysteme selbst aus den Angeln gehoben habe.
Die KI zerstört die Authentifizierung – und soll sie nun retten
Altmans Argumentation folgt einem bekannten Silicon-Valley-Narrativ: Eine Technologie revolutioniert die Welt, bringt massive Störungen mit sich – und das Heilmittel liefert der Urheber gleich mit. Konkret erklärte Altman, dass KI-Systeme herkömmliche Identifikationsmethoden wie Selfies, Stimme oder Gesten längst „überholt“ hätten. „Ich bin sehr nervös, dass wir eine bedeutende bevorstehende Betrugskrise haben“, warnte er.
Sein Lösungsvorschlag: World ID – eine globale digitale Identität auf Basis von Iris-Scans, deren Authentifizierung auf einer Blockchain gespeichert wird. In einer Zeit, in der viele Finanzinstitute noch auf den Stimmabdruck setzen, sei das laut Altman „verrückt“ und nicht mehr tragbar.
Eine „Intelligenz, zu billig, um sie zu messen“
Altman betonte auf der Konferenz, dass KI-Systeme schneller voranschreiten, als es der Öffentlichkeit bewusst sei. Die Zukunft werde „vom Ausmaß her das Internet übertreffen“, sagte er. Mit Blick auf humanoide Roboter räumte er zwar ein, dass diese derzeit noch in weiter Ferne seien – doch der Trend sei eindeutig. Seine Vision kulminierte in der Prognose einer „Intelligenz, zu billig, um sie zu messen“, ein Begriff, der einst für atomare Energie stand und hier auf KI übertragen wurde.
Datenschutzbedenken und regulatorischer Gegenwind
Die Bedenken gegenüber World ID reißen nicht ab. Mehrere Datenschutzbehörden weltweit haben die Kopplung biometrischer Daten an eine globale digitale Identität scharf kritisiert. Fragen zur Speicherung, zum Zugriff und zur Verwendung der hochsensiblen Irisdaten sind bislang unbeantwortet. In einigen Ländern wurde das Projekt sogar offiziell ausgesetzt.
Altman begegnete der Kritik mit einem Appell an den technologischen Fortschritt: Skepsis gegenüber Innovation sei normal. Sein Großvater sei einst von der Rechenmaschine verblüfft gewesen – so wie viele heute von der KI. Doch der Vergleich wirkt angesichts der Tragweite biometrischer Überwachungssysteme hilflos.
Ausweichmanöver bei kritischen Nachfragen
Auf die Frage eines Teilnehmers, wie er zu der Sorge stehe, dass KI-Systeme ungewollte gesellschaftliche Entscheidungen automatisieren könnten, wich Altman aus: „Das liegt weit außerhalb meines Fachgebiets.“ Eine bemerkenswerte Antwort von einem Mann, der zuvor eine halbe Stunde lang den umfassenden Einfluss seiner Technologie auf die Gesellschaft beschrieben hatte.
Fazit:
Altman präsentiert World ID als unvermeidliche Antwort auf die Risiken, die eine von KI geprägte Zukunft mit sich bringt. Doch sein Vorschlag löst keine gesellschaftliche Diskussion über Macht, Kontrolle und Selbstbestimmung – er ersetzt sie durch technokratische Effizienzversprechen. Die Frage bleibt: Wollen wir eine Welt, in der unsere Identität durch Maschinen verifiziert wird, die wir nicht verstehen – und deren Erfinder sich im Zweifel nicht verantwortlich fühlen?

