Die unsichtbare Abriegelung des Internets
Wenn Altersverifikation zur Eintrittskarte in eine kontrollierte Digitalwelt wird
Von der Redaktion
Das Internet war einmal ein Ort der Freiheit. Ein Raum, in dem Menschen ihre Meinung äußern konnten, ohne dabei ihren echten Namen angeben zu müssen. Ein Ort für Experimente, Protest, für das Unaussprechliche, das Undenkbare, das gesellschaftlich Unerwünschte – geschützt durch Anonymität. Diese Ära steht vor dem Aus. Und kaum jemand merkt es.
Australien testet derzeit, was als „Altersverifikations-Technologie“ daherkommt, ist in Wahrheit der Bauplan für eine digital identifizierbare Gesellschaft. Google ist mit an Bord – ein Konzern, der bereits mehr über uns weiß als die meisten Regierungen. Der Versuch ist technisch raffiniert, rechtlich sauber – und politisch brandgefährlich.
Denn er ändert das Fundament. Was früher eine freiwillige Login-Maske war, wird zur Identitätspflicht. Wer künftig surfen will, muss nachweisen, wer er ist. Und wofür? Um Kinder zu schützen? Ein edles Ziel – aber eines, das nun zum trojanischen Pferd für totale Überwachungsinfrastruktur mutiert.
Was technisch möglich ist, wird politisch machbar
Biometrie, Ausweisdaten, Gesichtsabgleich – alles längst verfügbar. Der nächste Schritt? Die Verknüpfung von Meinung und Identität, von Verhalten und Profil, von Klick und Konsequenz. Wer garantiert noch, dass politisch „missliebige“ Inhalte nicht irgendwann mit Nachteilen im echten Leben verknüpft werden?
Und während autoritäre Staaten das längst tun, ziehen nun auch demokratische Länder nach – nicht per Zwang, sondern durch „Sicherheitsmaßnahmen“. Der Zwang kommt schleichend. Wer keinen Ausweis scannt, bleibt draußen. Wer draußen bleibt, bleibt stumm.
Der Preis ist die Wahrheit
Wenn Anonymität stirbt, stirbt auch das, was sie ermöglicht: die mutige Stimme der Minderheit. Die Enthüllung der Wahrheit durch Whistleblower. Der Erfahrungsbericht eines Opfers. Die Wut einer Jugend, die keinen Platz findet.
Digitale Identität ist kein neutraler Fortschritt. Sie ist ein Machtinstrument. Und je enger ihre Einführung mit harmlosen Begriffen wie „Kinderschutz“ oder „Community Safety“ verknüpft wird, desto schwerer lässt sich der Geist wieder in die Flasche stecken.
Die freie Gesellschaft muss sich entscheiden
Wir stehen an einem digitalen Scheideweg. Die Infrastruktur für eine vollkommen transparente Gesellschaft ist fast fertig. Ihre Begründung klingt vernünftig. Ihr Nutzen ist real. Ihr Preis ist unsichtbar, aber endgültig: der Verlust der Freiheit, ohne Erlaubnis zu sprechen.
Wollen wir ein Internet, das zur verlängerten Behörde des Staates wird – oder einen digitalen Raum, in dem Menschen sein dürfen, wer sie sind, ohne es beweisen zu müssen?
Die Antwort entscheidet nicht nur über Technik. Sondern über die Demokratie der Zukunft.