Atomkrieg als Planspiel: Wie eine pro-Trump-Denkfabrik den nuklearen Erstschlag normalisiert
Ein Kriegsspiel der Heritage Foundation, einer einflussreichen US-Denkfabrik mit engen Verbindungen zum Trump-Lager, wirft ein beunruhigendes Licht auf das strategische Denken in Washington: In der Simulation eines Konflikts um Taiwan erscheint der frühe Einsatz taktischer Atomwaffen nicht als äußerstes Mittel, sondern als kalkulierte Option, um eine konventionelle Niederlage der USA zu kaschieren.
Die Übung mit dem Namen „Azure Dragon“ modellierte ein dreiwöchiges Szenario einer chinesischen Invasion Taiwans. Das zentrale Ergebnis ist brisant: Die militärische Verteidigung der Insel würde die Vereinigten Staaten so stark unter Druck setzen, dass politische und militärische Entscheidungsträger bereits in einer frühen Phase des Konflikts über einen nuklearen Erstschlag nachdenken würden. Atomwaffen erscheinen in diesem Modell nicht mehr als Abschreckung, sondern als Werkzeug zur Eskalationskontrolle.
Besonders alarmierend ist die implizite Logik des Szenarios. Die Simulation prognostiziert eine schnelle konventionelle Erschöpfung der US-Streitkräfte: Präzisionsmunition, Treibstoff und logistische Reserven würden nicht ausreichen, um einen längeren hochintensiven Krieg gegen China zu führen. Diese Schwäche – selbstverschuldet durch jahrelange Fehleinschätzungen über industrielle Kapazitäten und Nachschub – mündet im Planspiel direkt in nukleares Denken.
Statt die strategische Annahme zu hinterfragen, dass Taiwan militärisch um jeden Preis verteidigt werden müsse, akzeptiert das Kriegsspiel den Konflikt als gegeben – und sucht nach Wegen, ihn mit atomarer Gewalt zu „managen“. Die Eskalation wird nicht vermieden, sondern eingeplant.
Chinesische Teilnehmer im Szenario wiesen die US-Drohungen ausdrücklich als Bluff zurück. Sie erklärten ihre Bereitschaft, begrenzte nukleare Schläge zu absorbieren und zu vergelten. Damit zerfällt eine zentrale Annahme westlicher Abschreckungsdoktrin: dass nukleare Eskalation automatisch zur Deeskalation führe. Das Planspiel deutet vielmehr auf ein hohes Risiko einer unkontrollierbaren Eskalationsspirale hin.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen die strategischen Vorteile, die dem chinesischen Militär im Szenario zugeschrieben werden. Dazu zählen nicht-strategische Atomwaffen sowie ein fraktionales orbitales Bombardierungssystem (FOBS), das als Mittel zur Umgehung klassischer Frühwarnsysteme gilt. In der Logik der Simulation verschafft dies Peking eine sogenannte Eskalationsdominanz – ein Begriff, der faktisch bedeutet: Wer zuerst eskaliert, verliert die Kontrolle.
Dass eine politisch einflussreiche Denkfabrik solche Szenarien öffentlich durchspielt, ist kein akademischer Zufall. Es zeigt, wie sich der sicherheitspolitische Diskurs in den USA verschoben hat: Weg von Diplomatie, Rüstungskontrolle und Deeskalation – hin zur Normalisierung des Nuklearkriegs als strategisches Instrument.
Die eigentliche Gefahr liegt weniger im Planspiel selbst als in seiner stillschweigenden Prämisse: Dass ein Konflikt zwischen Großmächten nicht mehr verhindert, sondern nur noch „optimiert“ werden müsse. Wer Atomwaffen als taktisches Hilfsmittel behandelt, senkt nicht nur die Hemmschwelle zum Einsatz – er spielt mit dem Risiko einer globalen Katastrophe.

