Horst D. Deckert

Unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit

Was geschieht, wenn der reichste Mensch der Welt Twitter-Anteile in Höhe von knapp 3 Milliarden Dollar kauft? Es klingt wie blanker Hohn, dass Elon Musk damit die freie Meinungsäusserung schützen will, hat er doch stets seine Twitter-Accounts zur Produktwerbung genutzt und darauf Meinungsumfragen für wirtschaftliche Entscheidungen lanciert.

Wie das Medienportal Daily Sceptic berichtete, hat der Tesla-CEO nun einen Anteil von 9,2% an der Social-Media-Plattform Twitter im Wert von 2,89 Milliarden US-Dollar erworben. Damit ist er der grösste externe Aktionär des Social-Media-Unternehmens. Musk besitzt nun 73’486’938 Twitter-Aktien. Laut Daily Sceptic lag die Beteiligung auf der Grundlage des Schlusskurses von Twitter am 1. April 2022 bei 2,89 Milliarden Dollar. Die Aktie ist im vorbörslichen Handel um etwa 25% gestiegen. Noch vor etwa zwei Wochen hatte er das Unternehmen dafür kritisiert, dass es die Grundsätze der Meinungsfreiheit nicht einhalte.

«Angesichts der Tatsache, dass Twitter de facto als öffentlicher Marktplatz dient, untergräbt die Nichteinhaltung der Grundsätze der Meinungsfreiheit die Demokratie grundlegend», twitterte Musk. «Was sollte getan werden?»

Das Medienportal Börse Online berichtete am Dienstag darüber, dass Musk nun ein neues Gimick bei Twitter einführen will. In einer Umfrage wollte er wissen, ob die User einen Editier-Button wünschten, um Posts nachträglich verändern zu können. Bereits nach sechs Stunden war das Ergebnis eindeutig. 74 Prozent stimmten mit Ja, 26 Prozent mit Nein. Die Abstimmung endet am 6. April um 1 Uhr. Laut Börse Online war die Twitter-Aktie bereits zum zum Börsenstart kaum zu bremsen und erzielte den grössten prozentualen Tagesgewinn seit dem Börsengang im Jahr 2013.

Zur Erinnerung: Im Dezember 2021 hatte das Nachrichtenmagazin Time seine «Person des Jahres» vorgestellt. Das Wirtschaftsmagazin Bloomberg schrieb damals, dass 2021 ein Jahr gewesen sei, in dem die Menschheit unter den brutalen Auswirkungen einer Pandemie, einer Versorgungskrise und des Klimawandels gelitten habe.

«Die Person, die gewählt wurde? ‘Clown, Genie, Edgelord, Visionär, Industrieller, Schausteller, Schurke’ Elon Musk, weil er ‘Lösungen für eine existenzielle Krise geschaffen hat, weil er die Möglichkeiten und Gefahren des Zeitalters der Tech-Titanen verkörpert und weil er die kühnsten und tiefgreifenden Veränderungen der Gesellschaft vorangetrieben hat.»

Auch wenn nicht jeder von dieser Wahl begeistert sei, schrieb die Bloomberg-Redakteurin Lara Williams, müsse sie zusammen mit ihren Kollegen von Bloomberg Opinion zugeben, dass sie 2021 viel Zeit damit verbracht habe, über die Existenz von Elon Musk, seinen Twitter-Account und seinen enormen Einfluss auf die Finanzmärkte nachzudenken. «Und was das Jahr angeht, so hat Musk ein ziemlich gutes hinter sich», so Williams.

Musk ist zumindest auf dem Papier der reichste Mensch der Welt und hat mit 245,8 Milliarden Dollar im Jahr 2021 mehr Vermögen angehäuft als die US-amerikanische Holdinggesellschaft Berkshire Hathaway Inc. an Umsatz erzielt hat. Im März dieses Jahres lag Musks Vermögen bereits bei 275 Milliarden Dollar. (Wir berichteten.)

Bloomberg schrieb im Dezember 2021, dass viele von Musks Tweets zufällige Grübeleien, Memes oder Updates zu seinen Unternehmen seien. Aber manchmal sorgten sie laut Bloomberg auch für Ärger – oder bestimmten den Kurs von Kryptowährungen wie Bitcoin oder (seiner Lieblingswährung) Dogecoin.

Es gehe nicht nur um Kryptowährungen: Musks Tweets könnten jede Aktie in die Höhe treiben, so Bloomberg weiter. 2021 habe sich die Elon Musk-Hypothese des Journalisten Matt Levine mehrfach bewahrheitet:

«Die Finanzwelt funktioniert heute so, dass Dinge nicht aufgrund ihres Cashflows wertvoll sind, sondern aufgrund ihrer Nähe zu Elon Musk. So brauchte er beispielsweise nur zu twittern, dass er Floki, einen Shiba-Inu-Welpen, anschafft, damit der Wert der Shiba-Inu-Münze oder SHIB in die Höhe schoss.»

Bloomberg berichtete ausserdem darüber, dass Musk im November 2021 eine Twitter-Umfrage nutzte, um finanzielle Entscheidungen zu treffen, indem er Menschen im Internet fragte, ob er 10% seiner Tesla-Aktien verkaufen sollte. Die Mehrheit stimmte dafür. Daraufhin verkaufte der Tesla-Chef tatsächlich rund drei Prozent seiner Aktien und somit mehr 930’000 Tesla-Aktienpakete.

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