In einem kürzlich geführten Interview mit dem Journalisten Larry Johnson spricht der renommierte Reporter Pepe Escobar über die eskalierenden globalen Spannungen zwischen den USA und den BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika). Escobar, bekannt für seine umfassenden Reisen und tiefgehenden Analysen, beleuchtet die strategischen Manöver der USA, die seiner Ansicht nach darauf abzielen, die wachsende Macht der BRICS-Allianz zu untergraben. Im Fokus stehen die jüngsten Entwicklungen im Iran, die Rolle Russlands und Chinas sowie die geopolitischen Implikationen eines sich wandelnden globalen Finanzsystems.
Die hybride und heiße Kriegführung gegen BRICS
Escobar betont, dass die USA eine umfassende Kampagne gegen die BRICS-Staaten führen, die sowohl hybride als auch direkte militärische Elemente umfasst. Insbesondere der Iran sei ein zentrales Ziel, da er neben Russland und China zu den sanktionierten „Kernmitgliedern“ der BRICS gehört. Der Terroranschlag in Kaschmir und die jüngsten Angriffe auf iranische Infrastruktur sieht Escobar als Teil eines größeren Plans, die BRICS-Allianz zu destabilisieren. „Die USA führen einen Krieg gegen BRICS, und was im Iran passiert, ist eine Fortsetzung dieses Konflikts“, so Escobar.
Die BRICS-Länder, die 2024 unter der brasilianischen Präsidentschaft stehen, werden von Escobar kritisch betrachtet. Er bemängelt die zögerliche Haltung Brasiliens, das seiner Meinung nach nicht die notwendige Entschlossenheit zeigt, um die Allianz gegen die westliche Dominanz zu stärken. „Die brasilianische Präsidentschaft ist diplomatisch ausgedrückt ‚schwach‘“, sagt er und verweist auf die mangelnde Initiative, etwa durch die Organisation eines BRICS-Gipfels mitten im Jahr, ohne klare Pläne für die zweite Jahreshälfte.
Finanzielle Unabhängigkeit und der Aufstieg von CIPS
Ein zentraler Punkt des Interviews ist die Diskussion über die Bemühungen der BRICS-Staaten, sich von westlichen Finanzsystemen wie SWIFT zu emanzipieren. Escobar hebt hervor, dass China mit seinem Cross-Border Interbank Payment System (CIPS) eine Alternative entwickelt, die zunehmend an Bedeutung gewinnt. „Im Mai 2025 überstiegen die Transaktionen über CIPS erstmals die von SWIFT“, erklärt er. Dieses System, das auf Blockchain-Technologie basiert, ermöglicht schnellere und effizientere grenzüberschreitende Zahlungen, was insbesondere in Südostasien und Zentralasien an Attraktivität gewinnt. Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien, die enge Handelsbeziehungen mit China unterhalten, zeigen großes Interesse an CIPS, um SWIFT zu umgehen.
Die BRICS-Länder experimentieren zudem mit Modellen der Entdollarisierung, einschließlich des Handels in bilateralen oder multilateralen Währungen. Escobar spricht von einem „BRICS-Testlabor“, in dem verschiedene Ansätze erprobt werden, um die finanzielle Unabhängigkeit zu stärken. Allerdings fordert er eine entschlossenere Haltung, um die westliche Vorherrschaft effektiv herauszufordern.
Der Iran als Schachfigur im globalen Spiel
Ein wesentlicher Teil des Gesprächs dreht sich um die jüngsten militärischen Auseinandersetzungen zwischen dem Iran und Israel. Escobar beschreibt, wie der Iran mit präzisen Angriffen auf israelische Infrastruktur – darunter Häfen, Flughäfen und Raffinerien – eine effektive Strategie verfolgte, die Israel wirtschaftlich in die Knie hätte zwingen können. „Der Iran hatte Israel am Boden“, sagt er, „aber aus unbekannten Gründen haben sie ihren Fuß vom Gas genommen.“
Escobar spekuliert, dass ein Treffen zwischen dem iranischen Außenminister Araghchi und Präsident Putin in Moskau eine Rolle gespielt haben könnte. Ein persönlicher Brief des iranischen Obersten Führers Chamenei an Putin deutet auf intensive diplomatische Verhandlungen hin, deren Inhalt jedoch geheim bleibt. Escobar vermutet, dass Russland möglicherweise eine Vermittlerrolle einnahm, um eine vorübergehende Waffenruhe zu erreichen, nachdem Israel um einen Waffenstillstand bat. „Die Russen haben den Amerikanern vielleicht eine Ausstiegsmöglichkeit angeboten“, sagt er.
Die Rolle des Iran als „kritische Schachfigur“ wird durch seine strategische Partnerschaft mit Russland und China unterstrichen. Escobar spricht von einem „neuen Primakow-Dreieck“ (Russland, Iran, China), das im Gegensatz zu Indien klar gegen die westliche Hegemonie positioniert ist. Diese drei Länder seien nicht nur sanktionierten, sondern auch als „existenzielle Bedrohungen“ für die USA eingestuft.
Irans nukleare Ambitionen und die Rolle der IAEA
Die Diskussion über Irans nukleares Programm ist ein weiterer Schwerpunkt. Escobar kritisiert die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA), die seiner Ansicht nach durch Spionage kompromittiert wurde, was Israel genaue Informationen über iranische Anlagen lieferte. „Die Iraner waren zu naiv und glaubten, dass der Westen fair spielt“, sagt er. Nach wiederholten Angriffen auf ihre Einrichtungen trotz Einhaltung des Atomwaffensperrvertrags (NVV) überlegt der Iran nun, diesen zu verlassen, es sei denn, Israel tritt dem NVV bei – ein unwahrscheinliches Szenario.
Escobar betont jedoch, dass der Iran möglicherweise keine Atomwaffen benötigt, da sein fortschrittliches Raketenprogramm – einschließlich ballistischer und hyperschallfähiger Raketen – eine ausreichende Abschreckung darstellt. „Die IRGC hat bewiesen, dass ihre Raketen präzise und effektiv sind“, sagt er.
Russlands und Chinas Perspektiven
Russland erkennt laut Escobar die Bedeutung des Iran für die Stabilität der BRICS-Allianz und die eigene nationale Sicherheit. Die Angriffe auf den Iran werden als Teil eines größeren Plans gesehen, der letztlich auch Russland und China destabilisieren soll. „Wenn der Iran fällt, ist Russland das nächste Ziel“, warnt Escobar. Er verweist auf die enge militärische Zusammenarbeit zwischen Russland und dem Iran, einschließlich möglicher Lieferungen von S-400-Luftabwehrsystemen und Su-35-Jets.
China hingegen scheint die geopolitischen Zusammenhänge weniger klar zu erfassen. Escobar bemerkt, dass viele chinesische Analysten die Komplexität des Iran und seiner Rolle in der BRICS-Allianz nicht vollständig verstehen. „Die Chinesen konzentrieren sich auf ihre internen Probleme und die Handelskriege mit den USA, aber sie sehen nicht das gesamte Bild des Krieges gegen BRICS“, sagt er.
Der Kampf um die Straße von Hormuz
Ein weiteres zentrales Thema ist die strategische Bedeutung der Straße von Hormuz, durch die 80 % des Öls aus dem Persischen Golf nach Asien fließen. Escobar berichtet, dass der Iran die Möglichkeit einer selektiven Blockade in Betracht zog, um westliche Lieferungen zu stoppen, während der Handel mit asiatischen Partnern wie China und Südkorea fortgesetzt würde. Diese Strategie, ähnlich der selektiven Blockade der Huthi im Roten Meer, zeigt die kalkulierte Herangehensweise des Iran.
Fazit: Ein globaler Wendepunkt
Pepe Escobar zeichnet ein Bild von einer Welt, in der die BRICS-Staaten zunehmend in die Offensive gehen, um die westliche Vorherrschaft herauszufordern. Die USA, unterstützt von Israel und westlichen Institutionen wie der IAEA, intensivieren ihre Bemühungen, diese Allianz zu schwächen. Der Iran spielt dabei eine Schlüsselrolle, sowohl als Ziel westlicher Angriffe als auch als Symbol für den Widerstand gegen die globale Hegemonie. Escobar fordert die BRICS-Staaten auf, entschlossener zu handeln und ihre finanziellen und militärischen Partnerschaften auszubauen, um dem Druck des Westens standzuhalten.
„Das ist ein globaler Krieg“, fasst Escobar zusammen. „Die BRICS müssen sich behaupten, oder sie riskieren, zerschlagen zu werden.“ Sein Bericht aus Rio, wo der nächste BRICS-Gipfel stattfinden wird, wird mit Spannung erwartet, da er weitere Einblicke in die Dynamiken dieser globalen Machtverschiebung verspricht.

