Von MK Bhadrakumar
Ein möglicher Durchbruch an der indisch-chinesischen Grenze könnte einen Wendepunkt in Asien markieren – ein Schritt, der jahrzehntelange Feindseligkeit abbauen und gleichzeitig Washingtons Einfluss auf Neu-Delhi untergraben würde.
Ein historisches Treffen in Tianjin
In dieser Woche haben Indien und China einen großen Vertrauensvorschuss in ihren Bemühungen um eine schrittweise Normalisierung ihrer bilateralen Beziehungen erhalten. Dies könnte den Charakter einer Annäherung annehmen, wenn Premierminister Narendra Modi den chinesischen Präsidenten Xi Jinping am Rande des Gipfels der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) am 31. August und 1. September in Tianjin trifft.
Eine solche Annäherung wäre ein historisches Ereignis in der Weltpolitik – mit Potenzial, ein Schlüsselmodell für die entstehende Weltordnung im 21. Jahrhundert zu werden. Aus indischer Sicht könnte dies das wichtigste Vermächtnis von Modis turbulenter Karriere werden, zumal er sich seinem 75. Geburtstag nähert.
Wang Yis wegweisender Besuch in Neu-Delhi
Der zweitägige Besuch des chinesischen Außenministers Wang Yi in Neu-Delhi wird zweifellos als Wendepunkt in die Geschichte eingehen. Wang, Mitglied des Politbüros und Direktor des Büros für auswärtige Angelegenheiten, gilt als einer der erfahrensten Diplomaten der Welt. Er hat die Grenzgespräche zu einer Mission gemacht, um die jüngste positive Dynamik zu nutzen und dem Normalisierungsprozess neuen Schwung zu geben.
Wang argumentierte, China und Indien müssten „globales Verantwortungsbewusstsein demonstrieren, als Großmächte handeln, den Entwicklungsländern ein Beispiel für Stärke durch Einigkeit geben und zur Multipolarisierung der Welt und zur Demokratisierung der internationalen Beziehungen beitragen.“ Laut der Agentur Xinhua teilte auch Indiens Außenminister S. Jaishankar diese Einschätzung.
Beide Minister betonten, dass sich in den Beziehungen eine „kritische Masse“ herausbilde. Wang erklärte, die Beziehungen zeigten „einen positiven Trend zur Rückkehr zur Zusammenarbeit“. Jaishankar ergänzte, dass sich die bilateralen Kontakte „kontinuierlich verbessern“ und auf eine Normalisierung in allen Bereichen zusteuerten.
Interessant war Jaishankars Hinweis, Indien und China müssten „gemeinsam die Stabilität der Weltwirtschaft aufrechterhalten“. Stabile, kooperative und zukunftsorientierte Beziehungen würden beiden Ländern dienen. Er sprach von der Bereitschaft Neu-Delhis, „das politische Vertrauen zu vertiefen, die wirtschaftliche Zusammenarbeit auszubauen, den Austausch zwischen den Menschen zu fördern und Frieden an den Grenzen zu wahren.“ Auf Social Media schrieb er später: „Ich bin zuversichtlich, dass unsere Gespräche heute dazu beitragen werden, eine stabile und kooperative Beziehung zwischen Indien und China aufzubauen.“
Konkrete Durchbrüche
Der Besuch brachte auch praktische Fortschritte: Beide Seiten einigten sich auf die Wiederaufnahme von Direktflügen, die Erleichterung des Handels- und Investitionsflusses, Kooperation bei grenzüberschreitenden Flüssen, die Wiedereröffnung des Grenzhandels über Himalaya-Pässe, eine vereinfachte Visaerteilung sowie die Ausweitung indischer Pilgerreisen zu den heiligen Stätten von Kailash-Manasarovar. China hob außerdem das Exportverbot für seltene Erden, Düngemittel und schweres Baugerät auf.
Grenzregelung – Modis entscheidende Herausforderung
Die wohl sensationellste Entwicklung: Beide Länder streben eine „frühe Ernte“ bei der Grenzziehung an und verständigten sich auf neue Mechanismen zur Verwaltung und Deeskalation. Dies ist heikel, da die indische Öffentlichkeit seit dem Krieg von 1962 von Erzählungen über „Grenzen“ geprägt ist, die historisch nie existierten.
Hier wird Modis Führungsstärke entscheidend. Er ist derzeit wohl einer der wenigen Regierungschefs, der die Glaubwürdigkeit und Entschlossenheit hat, eine Grenzregelung voranzubringen. Für Modi ist klar: Eine stabile Beziehung hängt von Vorhersehbarkeit ab – eine Grenzlösung ist unabdingbar. Bei einem Treffen mit Wang betonte er die Bedeutung von Frieden an der Grenze und bekräftigte Indiens Engagement für eine „faire, vernünftige und akzeptable“ Lösung.
Traditionell hatte Indien nach dem Kalten Krieg seine Beziehungen zu den USA priorisiert, um sich gegen China abzusichern. Doch die unberechenbare Politik der Trump-Regierung – insbesondere deren Versuche, Indiens Autonomie einzuschränken – waren ein Weckruf.
Wirtschaftlicher Druck und neue Interessen
Gleichzeitig spielen wirtschaftliche Faktoren eine Rolle. Indien möchte chinesische Investitionen wieder zulassen, den Handel erleichtern und so sein wirtschaftliches Vertrauen stärken. Angesichts der hohen US-Zölle sucht Neu-Delhi aktiv nach Diversifizierung seiner Partner.
Wang signalisierte, dass auch Peking bereit sei, die Beziehungen zu verbessern – besonders angesichts einer zunehmend aggressiven Trump-Administration. Beide Seiten sehen gemeinsame Interessen, und eine Arbeitsbeziehung zwischen China und Indien würde den BRICS enorm stärken. Genau das beunruhigt Washington, das BRICS bereits mehrfach als Bedrohung für den Dollar kritisiert hat.
Multipolare Perspektive
Sollten die positiven Trends anhalten, könnte dies auch den von Russland lange geförderten RIC-Prozess (Russland–Indien–China) wiederbeleben. Diese Idee hatte schon in den späten 1990er Jahren der russische Staatsmann Jewgeni Primakow formuliert – und viele seiner Vorhersagen über die Verschiebung der globalen Kräfteverhältnisse scheinen sich zu bewahrheiten.
Hindernisse und Widerstände
Doch Hindernisse bleiben: In Indien gibt es eine starke pro-amerikanische Lobby mit Einfluss auf Medien, Think-Tanks und die Elite, die die Partnerschaft mit den USA als entscheidend ansieht. Misstrauen gegenüber Chinas Absichten ist weit verbreitet, verstärkt durch Pekings Präsenz in der Region und sensible Themen wie die Nachfolge des Dalai Lama.
Bezeichnend ist, dass ein ehemaliger Außenminister Indiens kürzlich bedauerte, die USA hätten Indien „verloren“ – trotz aller Demütigungen durch Trump. Diese „Kompradoren-Klasse“, die blind auf die USA setzt, ist eine Realität in Indien.
Die Frustration der Trump-Administration hat geopolitische Gründe. Peter Navarro, enger Trump-Berater, erklärte in der Financial Times, die USA sollten keine hochmoderne Militärtechnologie an ein Indien liefern, das sich „sowohl bei Russland als auch bei China einschmeichelt“.
Sollte Trump Sanktionen gegen Indien verhängen – was nicht ausgeschlossen ist –, könnte dies einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel erzwingen. Dann müsste Neu-Delhi seine Doktrin der strategischen Autonomie neu definieren, die bisher auf der Annahme beruhte, dass alle Länder gleich sind – Amerika aber gleicher als andere.

