Horst D. Deckert

Cancel-Culture: Die Bibliothek als Todesfalle

Jetzt geht es der Weltliteratur an den Kragen (Symbolbild:Imago)

Was tust du, Jane, um nicht in die Hölle zu kommen?” – „Nicht sterben!” Das wäre heute die falsche Antwort. „Keine Bücher lesen”, müsste es heute lauten, „schon gar nicht solche, die emotional sind oder politisch inkorrekt!” Nach Jane Austen, die in den USA plötzlich – aus Gründen der Kontaktschuld – zu einer Symbolfigur des Kolonialismus erklärt wurde, erwischt es nun posthum die arme Charlotte Brontë:

(Screenshot:Twitter)

Zugegeben: Ich fand Jane Eyre emotional ziemlich aufrüttelnd und litt heftig mit, wenn Jane wieder einmal ungerecht behandelt wurde. Zudem schafft die Tatsache, dass die Heldin selbst gern liest, eine gewisse Solidarität. Aber was sollte wohl Warnhinweis auf dem Buchtitel stehen? „Dieses Buch könnte ihre Illusionen über Frauensolidarität zerstören?” Neben dem fiesen Mr. Brocklehurst sind es schließlich Janes lieblose Tante und die spöttische Blanche Ingram, die der berühmten Gouvernante das Leben zur Hölle machen.

Manchen ist der Gedanke, jemand könne eine emotionale Bindung zu einem Buch aufbauen – in das schließlich oft eine Menge Herzblut des Autors gesteckt wurde – vollkommen fremd; mir hingegen käme allein der schnöde Weiterverkauf vor, als setzte ich einen Welpen an der Tankstelle aus. Dann verschenke ich das Buch lieber an jemanden, der Freude daran hat. Wenn Eltern ihre Kinder davon abhalten wollen, „Schund“ zu lesen, kann man noch ein gewisses Verständnis dafür aufbringen – obwohl „Schund“ oft nur ein anderes Wort für „mir gefällt es nicht” ist. Aber zunehmend werden Bücher im Juste Milieu wieder als Gefahr eingestuft. Das „falsche Weltbild“ zwischen zwei Buchdeckeln? Dem muss entschieden entgegengetreten werden! Schon viele totalitäre Systeme identifizierten gedruckte Machwerke, vor allem das Buch, als Feind – nun ist es wieder so weit, weltweit geht es wieder los.

Spurenbeseitigung statt Debatte

Vor allem in der angelsächsischen Welt herrscht vorwiegend ein Bestreben vor wie in George Orwells Wahrheitsministerium („Wer die Vergangenheit beherrscht, beherrscht die Zukunft!”): Man möchte alle Spuren beseitigen, die darauf hindeuten, dass die eigenen Vorfahren ein anderes Weltbild hatten als man selbst. Nun könnte man dieses Weltbild zur Grundlage einer Debatte machen; das jedoch soll sich angeblich traumatisierend auf die Angehörigen von Minderheiten auswirken. Da drängt sich ein Verdacht auf: Geht es eventuell gar nicht vordergründig um die Geschichte dieser Minderheiten, sondern darum, sich mit der eigenen nicht befassen zu müssen? Das liefe dann ähnlich ab wie die „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland: Ein diffuses Schuldbekenntnis ist schnell abgegeben und hat den Vorteil, dass es vom eigenen Verhalten ablenkt wie eine Tarnkappe. Zudem kann es beliebig als Waffe gegen Andersdenkende eingesetzt werden.

Auch wenn es in Deutschland mittlerweile ebenfalls Ansätze gibt, Straßennamen und deren Namensgeber auf koloniale Verfehlungen hin penibel zu untersuchen, so steht hier der „Kampf gegen Rechts“ noch immer im Vordergrund. Im Rahmen der „Cancel Culture“ trifft der „gerechte Zorn“ auch Gegenwartsautorinnen wie Monika Maron, die den „Fehler“ machte, in einem Buchladen Lesungen abzuhalten, der auch Werke aus dem Antaios-Verlag vertreibt. Nachdem Frau Maron ihren Vertrag mit ihrem Verleger verlor, wollten ihre Gegner das keineswegs als Zensur begriffen wissen. Sie, die sonst auch wacker den Kapitalismus bekämpfen, sprachen plötzlich von „Unternehmerfreiheit“, ein Begriff, der in ihrem angestammten Wortschatz so exotisch wirkt wie ein Papagei am Nordkap. Verschwiegen wird zudem, dass oftmals Verleger, aber auch Veranstalter, die missliebige Künstler auftreten lassen, massiv unter Druck gesetzt werden. Auch die oben genannte Buchhändlerin Susanne Dagen fand bereits die Fensterscheiben ihres Ladens von der Antifa zertrümmert vor.

Zerrbild des mächtigen Europäers

Was aber bringt die Zensoren ausgerechnet auf die Fährte klassischer Literatur? Sind es nur der Kolonialismus und die andere Lebensauffassung der Autoren? Vielleicht gibt es auch einen anderen Grund: Gerade Charles Dickens, der ebenfalls mit Warnhinweis versehen soll, aber auch die Brontë-Schwestern schrieben über Armut, was nicht zum Narrativ des mächtigen Europäers passt. Darf man noch erwähnen, dass auch Weiße in früheren Zeiten unterdrückt wurden und ihr Leben kein Zuckerschlecken war? Vielleicht; aber nicht ohne wenigstens sozialistische Revolutionsgelüste zu nähren.

Etwas lesen, ohne dabei erzogen zu werden? Das geht heute nicht mehr. Mitzuleiden mit einer Romanfigur ist ebenfalls verpönt, da nicht „systemkritisch“ genug. Lesen einfach aus Spaß, weil ein Buch saulustig ist? Ebenfalls höchst verdächtig, denn wir haben uns in jeder Minute unseres Lebens mit den Themen zu befassen, die das Agenda-Setting der „Guten“ vorgibt: Der Klimawandel, Flüchtlinge auf dem Mittelmeer oder Genderstudien. Wer das in die Handlung seines Romans einbaut, hat seine Chancen auf gute Kritiken schon einmal enorm verbessert.

Der Inhalt meines Buchregals geht diese Volkserzieher jedoch ebenso wenig etwas an wie mein Kontostand. Wie immer haben sie den legitimen Pfad der freien Meinungsäußerung zu einem Buch längst zugunsten der Gängelung verlassen – man kann kaum glauben, dass gerade die Vorgänger dieser Zensoren sich einstmals für „antiaitoritäre Erziehung“ einsetzten. Das war dann wohl auch wieder nur eine Mogelpackung.

Ähnliche Nachrichten