Horst D. Deckert

Die Hohenzollern Kaiser und das Dilemma mit den heutigen Eliten

Adel und Demokratie

Das Editorial zur Sonderausgabe von Gerd Sudholt

Das zweite Kaiserreich der Deutschen Von 1871 bis 1918 bestand 41 Jahre. Wilhelm ll. Gang ins Exil nahe Holland beendete die Hoffnungen auf Erhalt und verringerte die Chancen auf eine Wiederkehr der Monarchie, obwohl der rnonarchische Gedanke nach wie vor virulent ist. Doch die ldee einer staatstragenden Monarchie steht und fallt mit der Herrscherfamilie und deren Sprösslingen. Darauf hatte schon 1866 bei einem festlichen Anlass der damalige preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck seine Tischdame, die englische Prinzessin Victoria und spätere Kaiserin Friedrich hingewiesen, als er scherzhaft meinte, ihm sei nicht Angst um die Monarchisten, aber er habe Sorge, dass die Monarchen ausgehen würden.

Nicht nur in Deutschland wurden die Prinzen, insbesondere die Thronfolger sorgfältig und vielseitig auf ihre späteren Aufgaben vorbereitet. Sie wurden schon als Buben militärisch gedrillt, später besuchten sie Gymnasien und studierten auch wie die nachmaligen Kaiser Friedrich III. und Wilhelm II. an der Universität in Bonn. Dass sie ihre dortigen Studien abgeschlossen hätten, ist freilich nicht bekannt. Doch kam es mehr auf den dort angeregten Bildungsprozess an als auf einen Universitätsabschluss, da der Werdegang der Hohenzoller Prinzen ohnehin vorbe- stimmt war. Ihre Erziehung war streng und ließ ihnen nur wenig Freiraum für persönliche Ambitionen. Von Kronprinz Wilhelm wissen wir genau, dass er alles andere als eine sorglose Jugend hatte. Er wurde von frühmorgens bis spätabends gefordert. Sein Erzieher, Dr. Hinzpeter wachte mit Argusaugen über die Entwicklung des jungen Prinzen. Bemerkenswert, auch der zweite Sohn wurde gemeinsam mit dem Thronfolger erzogen, es hätte ja wieder der Fall eintreten können, dass er irgendwann einmal an die Stelle seines älteren Bruders hätte treten müssen.

An den deutschen Fürstenhöfen wird es nicht viel anders gewesen sein. Der längst verstorbene Prinz Friedrich Christian Prinz zu Schaumburg-Lippe berichtet in einem seiner Bücher (Souveräne Menschen – Kleine Lebensregeln – groß geschrieben) eindrucksvoll über seine Erziehung, die sich nur geringfügig von jener der Hohenzollern- Prinzen unterschied.



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Der voraussichtliche Kaiser, Königssöhne und die Erstgeborene in den regierenden Fürstenhäusern waren also bestens auf ihre künftigen Aufgaben vorbereitet und in der Lage bei Eintritt ihrer Volljährigkeit das jeweils hohe Amt zu übernehmen. Der letzte deutsche Kaiser war erst 29 Jahre alt, als er die Nachfolge seines Vaters Kaiser Friedrich III. antreten musste. Noch 1886 warnte sein Vater den damaligen Reichskanzler Otto von Bismarck davor, den jungen Mann angesichts dessen Überheblichkeit bereits in die auswärtige Politik einzuweihen. Stattdessen hatte er vorgeschlagen, den jungen Mann zunächst im Bereich der inneren Verwaltung auszubilden.

Es war zu spät, der alte Kaiser hatte bereits anders entschieden und ein Machtwort gesprochen. Mit dem 11. November 1918 und dem Zusammenbruch der Monarchie änderte sich fast alles nicht nur in Deutschland. Die alten oft seit ]ahrhunderten tätigen Souveräne, die zwar herrschten aber nicht immer regierten, wichen mehr oder weniger freiwillig angeblich immer neuen demokratischen Eliten.

Es zeigte sich bald, dass viele dieser Parvenüs ihren Aufgaben in keiner Weise gewachsen waren. Hinzu kamen zahlreiche Skandale wie etwa in der Münchner Räterepublik oder in der Berliner Metropole. Nach eineinhalb Jahrzehnten läutete der Weimarer Republik das Totenglöckchen. Vorbei waren die sog. Goldenen Zwanziger Jahre. Das Ergebnis sind die bekannten sechs Millionen Arbeitslosen, Elend und Hungerjahre gewesen. Dennoch war die erste Demokratie im damaligen Deutschen Reich besser als ihr späterer Ruf.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann ein mühsamer Neuanfang, der mit Hilfe der Siegermächte nicht zuletzt deshalb erfolgreich war, weil die Deutschen wieder gebraucht wurden. Der Kalte Krieg forderte zwar keine Blutopfer, aber die junge Bundesrepublik unter dem alten Bundeskanzler Konrad Adenauer war ein Frontstaat und Westberlin eine Frontstadt geworden. Zur angloamerikanischen Hilfe kam entscheidend hinzu, dass die Trümmerfrauen und dann die Heimkehrer, also die Überlebenden des Zweiten Weltkrieges die Ärmel hochkrempelten und mit unglaubli- cher Arbeitsleistung das Wirtschaftswunder gleich nach dem Krieg initiierten und bis in die späten 60er Jahre zu unerwarteten Höhen führten.

«Die Bildung wird täglich geringer, weil die Hast größer wird.»

Friedrich Nietzsche, Nachlass

Kaum begann das Unternehmen Bundesrepublik Deutschland an Fahrt zu gewinnen und Erfolge stellten sich ein, wurden auch die ersten Durchstechereien und Bestechungsaffären bekannt. Schon die Entscheidung des 1. Deutschen Bundestages die provisorische Hauptstadt nach Bonn und nicht nach Frankfurt zu verlegen, soll gekauft worden sein. Die Affäre um den Chauffeur Adenauers, Kilb, beschäftigte die noch junge Bundesrepublik. Es folgten die Starfighter-Affäre, die Gerstenmeier-Geschichte, die Bestechung mindestens eines Bundestagsabgeordneten beim Misstrauensantrag gegen Bundeskanzler Brandt, später die Flick-Affäre, der Spendenskandal um Helmut Kohl in den 90er Jahren. Und, und, und … bis hin zu den aktuellen Bestechungen in jüngster Zeit mit dem Bundestagsabgeordneten Nüßlein, Löbl dem CSU-Politiker und ehemaligen bayerischen Justizminister Alfred Sauter. Auch der derzeitige Wirtschaftsminister Habeck und sein Kollege Hubertus Heil sind umstritten. Für einen Großteil von ihnen gilt das inzwischen geflügelte Wort: Kreiß- saal, Schule, Partei, Parlament. Es mangelt an Bildung, Ausbildung, Lebenserfahrung und vor allen am Bewusstsein für die Verantwortung, die mit den hohen Ämtern im Staate und der den Mandatsträgern übertragenen Macht einhergeht.

Hier offenbart sich eine Entwicklung die in der deutschen Monarchie bis 1918 undenkbar gewesen wäre, sich jedoch seit Jahrzehnten in nicht wenigen demokratisierten Staaten beobachten lässt. So stellt sich zwangsläufig die Frage, ob Korruption systemimmanent für demokratische Staaten ist. Es ist nicht leugnen: wenn ein früherer französischer Staatspräsident zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten verurteilt wird, spricht das nicht nur für die französische Politik Bände.

Ähnliches, es wurde bereits darauf hingewiesen, erleben wir in der Bundesrepublik. Auch unsere Nachbarstaaten sind laufend von Korruptionsfällen betroffen, insbesondere auch die „neuen Demokratien” im östlichen Mitteleuropa.

ln diesem Zusammenhang ist zu fragen, warum sich die Täter ihre Taschen vollstopfen? Die Damen und Herren erhalten großzügige Diäten, sei es im Bund oder in den Ländern. Niemand dieser Herrschaften muss Hunger leiden, im Gegenteil. Nicht die Frage weiterer Erhöhungen von Diäten, sondern deren Kürzungen sollten thematisiert werden. Dass ein Bundestagsabgeordneter oder Mitglied eines Länderparlaments ein ordentliches Auskommen haben soll, wird kein Vernünftiger bestreiten. Aber, dass man sich um sechs- und siebenstellige Summen bereichert, ist schon starker Tobak. Hier haben die Staatsanwaltschaften energisch einzugreifen und die Gerichte werden hoffentlich klare Worte sprechen und angemessene Urteile fällen. Denn immerhin herrschen in unserem Land noch Rechtssicherheit und eine noch funktionierende Gewaltenteilung zwischen Legislative und Judikative.

Aus der rund 40jährigen letzten Kaiserzeit sind Korruptionsskandale ähnlichen Ausmaßes von adligen Politikern nicht bekannt. Die Monarchen selber standen der Vorstellung des Gottesgnadentums nahe und gingen von der Überlegung aus, der Staat und das Volk seien ihnen gemäß dem göttlichen Willen anvertraut und sahen es als ihre Aufgabe an, den Frieden, die Sicherheit und den Wohlstand des Reiches zu garantieren.

«Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung. Er ist nichts, als was die Erziehung aus ihm macht.»

Immanuel Kant – Über Pädagogik

Im gegenwärtigen 19. Deutschen Bundestag tummeln sich 709 Abgeordnete. Nach Angaben der SZ entstammen davon elf Frauen und Männer einem Adelsgeschlecht. Das sind etwa 1,5 % der Mandatsträger, die auf eine adlige Ahnentafel verweisen können. Im letzten Deutschen Reichstag vor Ausbruch des 1. Weltkrieges war die Mehrheit der Abgeordneten noch adliger Herkunft. Die Zeitschrift „Das Deutsche Adelsblatt” war z. B. noch offizielles Organ der damaligen Konservativen Partei, die freilich 1912 schon ihren Höhepunkt überschritten hatte. Stärkste Partei waren die Sozialdemokraten geworden, die auch die größte Fraktion stellten.

Bei aller Verschiedenheit der Statistik fällt jedoch auf: Damals gab es noch ein bürgerliches Leben, das frei von Korruption und Bestechung war.

Wenn diese Informationen, die durchaus belastbar sind, der Wirklichkeit entsprechen, dann steht die Frage im Raum, warum in der gegenwärtigen Staatsform solch unerfreuliche Vorkommnisse, die wir derzeit erleben, überhaupt rnöglich sind.

Vielleicht war das strenge Regiment der drei Hohenzollernkaiser für die Deutschen klüger als man heute glaubt.

Die solide Ausbildung künftiger Führungskräfte im letzten Kaiserreich trug zu einer weltweit bewunderten Elitenbildung bei. Vielleicht war die strenge Erziehung, welche die Familie der Hohenzollernkaiser ihren Söhnen angedeihen ließ, für die Deutschen klüger als man heute gerne wahrhaben will.

Das gegenwärtige Deutschland benötigt dringend wieder gewachsene Eliten und keine Snobs (sine nobilitas). Es wäre sicher sinnvoll über diese Fragen nachzudenken und sich an die damaligen Vorgaben zu erinnern. Schließlich erfolgte die Gründung der Bundesrepublik nicht nur in Abgrenzung zur Diktatur der Nationalsozialisten, sondern auch in der Kontinuität zur Weimarer Republik, die wieder das Kaiserreich direkt beerbt hatte. Die heutigen Verantwortlichen sollten prüfen, ob sie nicht Manches wieder zu neuem Leben erwecken sollten.

«Wer erziehen will, muss selbst erzogen sein.»

Dr. Hinzpeter  [zitiert von Kaiser Wilhelm II in seiner Rede vom 4.12.1980]

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