Horst D. Deckert

Ein Buch wie ein Leuchtturm: «Falsche Pandemien» von Wolfgang Wodarg

Es war Wolfgang Wodarg, der mich anfangs März weckte. Im Februar hielt ich Covid-19 noch für eine Neuauflage der Schweinegrippe, die bald wieder im Sand verlaufen würde – nicht ernst zu nehmen, wenn auch mit grossen Gewinnen für die Pharmaindustrie. Dann las ich einen Text von ihm und begann, genauer hinzuschauen. Der Rest ist Geschichte.



Wolfgang Wodarg vereint vier wesentliche Eigenschaften, die ihn zu einem Leuchtturm im Pandemiegeschehen machen:

  • Er ist Lungenarzt und kennt die Materie und die Praxis
  • Er war Amtsarzt und kennt die Massnahmen der öffentlichen Gesundheit
  • Er war Politiker (Abgeordneter im Europa-Parlament) und kennt die Machtspiele der Politik
  • Er hat im Auftrag des Europa-Parlaments die verhängnisvolle Lobbyarbeit der Pharma-Industrie im Zusammenhang mit der Schweinegrippe untersucht und weiss, wie man aus ungefährlichen Krankheiten grosse Bedrohungen herstellt.

Dazu kommt eine fünfte Eigenschaft, die ihn als Autor auszeichnet: Er ist bescheiden und klar. Seine Sprache ist verständlich und unaufgeregt.

In der Summe ergibt dies für sein neues Buch «Falsche Pandemien – Argumente gegen die Herrschaft der Angst» eine absolute Leseempfehlung. Mit über 400 Seiten ist es vielleicht etwas dick geraten. Aber die Materie ist nun mal komplex. Und wer sich gegen die «Herrschaft der Angst» mit Argumenten und nicht bloss mit Widerstand und Abschottung wappnen will, braucht Sachkenntnis.

Ich möchte an dieser Stelle auf eine detaillierte Darstellung des Inhalts verzichten. Wer den Verlauf der Pandemie verfolgt, wird viele der Argumente bereits kennen.

Was das Buch aber auszeichnet, ist das grosse kohärente Bild, das sich dem Leser erschliesst. Wolfgang Wodarg schreibt gleichzeitig aus persönlicher Erfahrung, wissenschaftlicher Erkenntnis und politischem Durchblick.

Es sind die Gesamtschau und der grosse historische Bogen, die es uns schliesslich erlauben, unsere Position in dieser verrückten Gegenwart zu erkennen und eine individuelle Verantwortung wahrzunehmen.

Wolfgang Wodarg schreibt auch aus einer spirituellen Sicht. Zum Ausdruck kommt dies angenehmerweise nur im Zitat, das er seinem Buch voranstellt: «Say no to the devil, say no!». Es stammt aus einem Lied seines Freundes Svatopluk Karásek, einem 2020 verstorbenen tschechischen Pastor, Sänger und Politiker.

Nachstehend ein Ausschnitt aus dem Vorwort, der Wodargs vernetztes Denken zum Ausdruck bringt.

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Wolfgang Wodarg: Falsche Pandemien – Argumente gegen die Herrschaft der Angst. Rubikon, 2021. 424 S. € 20.–.

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Aus dem Vorwort:

Als Medizinstudent habe ich gleich in den ersten Monaten etwas gelernt, was mein Leben für immer verändern sollte. Es war wie eine Erleuchtung. Dabei handelte es sich nur um eine kleine Zeichnung, das Bild eines Regelkreises.

Sie stand im Lehrbuch der Physiologie und als ich sie mir näher ansah, um das Dargestellte zu verstehen, fühlte ich, dass ich etwas Grundsätzliches entdeckt hatte. Früher in der Schule war auch schon davon die Rede, aber da war es mir nicht besonders aufgefallen. Doch jetzt ahnte ich plötzlich, wie Leben funktioniert.

Ich hatte die Bedeutung meiner Entdeckung zuerst nur gespürt und lange nicht verstanden. Dann, innerhalb kürzester Zeit, fand ich diesen kreisenden Selbstbezug, dieses auf Störungen reagierende und sich stabilisierende Selbst, wo ich auch hinschaute. Bei der Blutzuckerregulation, beim Blutdruck, bei der hormonellen Steuerung unserer Organfunktionen, bei der Wiederherstellung einer gesunden Darmflora, bei Reaktionen unseres Immunsystems auf störende Einflüsse durch Pollen oder Viren und selbst im sozialen Miteinander sah ich diese durch Rückkopplung und ein dynamisches Gleichgewicht gekennzeichneten Systeme. Das war eine faszinierende Offenbarung.

Die Welt und ihre Teile kreisten im Mikrokosmos wie im Makrokosmos, in allen Organen und Zellen, auf jeder Wiese, in Familien, Staaten und in meinem Kopf. Überall, wo Leben war, erkannte ich zahllose gekoppelte, sich gegenseitig beeinflussende und auf die größere Umwelt reagierende Netze, deren Maschen nach dem entdeckten Schema aus dem Physiologie-Lehrbuch funktionierten.

Die Vorstellung von unendlich vielen, voneinander abhängigen, verwobenen Regelkreisen, von einer in dauernder Bewegung pulsierenden Biosphäre und von meinem eigenen Körper der als Biotop für Kleineres mitkreist und kreisen lässt, das war überwältigend. Während des Studiums sehnte ich mich aber eher nach Übersichtlichkeit und klaren Sachverhalten. Jedenfalls bis zum Staatsexamen. Ich entschied mich also, mich darum erst mal nicht mehr zu kümmern und Gitarre zu lernen.

Das kleine Bild des Regelkreises hat sich mir jedoch eingeprägt. Es ging mir nie mehr aus dem Kopf, denn es ist eine Art Werkzeug, mit dem man Prozesse leichter verstehen kann. Wer an oder in einem bestehenden System irgendetwas ändert oder stört, der ändert immer auch das Ganze. alles wirkt auf alles zurück. Was ich tue, was man mit mir tut, was ich unterlasse, was ich auswähle und was ich überhöre, alles ändert mein Leben, laufend.

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