Inmitten des eskalierenden Krieges zwischen den USA, Israel und dem Iran hat der pensionierte US-Oberst Douglas Macgregor, ehemaliger Berater des Verteidigungsministers unter Präsident Trump, in einem ausführlichen Interview eine düstere Prognose abgegeben. Er sieht den aktuellen Konflikt als Vorspiel zu einem potenziellen Dritten Weltkrieg und kritisiert scharf die Strategie Washingtons und Tel Avivs. Macgregor argumentiert, dass der Krieg nicht nur militärisch scheitern, sondern langfristig die globale Position der USA massiv schwächen werde – mit verheerenden Folgen für den Nahen Osten, die Weltwirtschaft und die internationale Ordnung.
Irans Widerstandskraft
Macgregor beginnt mit einer klaren Einschätzung des Konflikts: Der Krieg werde für die USA und Israel schlecht enden, während der Iran als große Zivilisationsmacht überleben werde. Iran sei kein Staat, der einfach verschwinden könne.
Selbst wenn das derzeitige theokratische Regime falle – was er für möglich hält, da Veränderungen seit mindestens einem Jahrzehnt im Gange seien –, werde ein nationalistisches Nachfolgeregime entstehen. Die Bevölkerung bleibe loyal zu ihrem Land und selbstbewusst in Bezug auf dessen Zukunft.
Die Vorstellung, durch Bombenanschläge und die Tötung von Mullahs alles zum Besseren zu wenden, sei absurd und halluzinogen. Im Gegenteil: Die massiven Zerstörungen und zivilen Opfer würden Millionen Iraner traumatisieren. Niemand werde den USA oder Israel dankbar sein – im Gegenteil: Das nächste Regime werde wahrscheinlich alles daransetzen, schnell Atomwaffen zu entwickeln.
Die nukleare Ironie
Genau darin liege die bittere Ironie der US-Politik: Unter dem Vorwand, die nukleare Proliferation zu verhindern, habe man durch maximale Druckausübung und nun durch offenen Krieg Iran erst recht in diese Richtung gedrängt.
Die Fatwa des Ayatollahs gegen Atomwaffen aus religiösen Gründen sei mit dessen Tod hinfällig. Ein säkulares oder nationalistisches Regime könne diese Hemmung fallen lassen und zu dem Schluss kommen: Nur Atomwaffen schützen vor Bedrohungen durch USA und Israel.
Kritik an der US-Politik
Macgregor geht hart mit der US-Glaubwürdigkeit ins Gericht. Er zitiert Aussagen aus Verhandlungen – unter anderem von Jared Kushner – in denen Iran auf sein Recht zur Urananreicherung nach dem Atomwaffensperrvertrag (NPT) pochte, ein Recht, das der Vertrag ausdrücklich garantiert.
Die US-Seite habe darauf schlicht geantwortet: „Wir haben das Recht, euch zu stoppen.“ Das sei eine offene Missachtung internationaler Verträge.
Ähnlich verhalte es sich mit Israels Vorgehen gegen Palästinenser. Massenvertreibung und Tötungen würden als „unveräußerliches Recht“ dargestellt – nur weil die USA dies mit Waffen und politischem Schutz ermöglichen. Diese Doppelmoral zerstöre jede Glaubwürdigkeit.
Narrative und Realität
Der Oberst widerspricht verbreiteten Narrativen. Es gebe keine Beweise dafür, dass Iran die Region erobern wolle, Atomwaffen gegen die USA einsetzen oder den Westen bedrohe. Jahrzehntelange Propaganda habe ein verzerrtes Bild geschaffen.
Stattdessen seien es die USA und Israel, die in den vergangenen 14 Monaten die meisten Länder angegriffen hätten – nicht Iran.
Der aktuelle Kriegsverlauf
Der Krieg zeige bereits reale Konsequenzen. Iranische Raketen treffen Ziele in Tel Aviv und Jerusalem, US-Basen in Bahrain und anderen Ländern werden angegriffen, amerikanische Soldaten sterben.
Nach vier Tagen Krieg zeige Iran weder militärische noch politische Erschöpfung.
Netanyahu habe sogar behauptet, Trump habe den Krieg bereits vor seiner zweiten Amtszeit gefordert, um Irans Atomprogramm zu stoppen. Macgregor stellt die Gegenfrage: Wer definiere sich hier eigentlich durch Zerstörung und Fanatismus?
Strategischer Rückzug der USA
Langfristig erwartet Macgregor einen strategischen Rückzug der USA aus der Region.
Verbündete wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar oder Bahrain hätten erlebt, dass eine enge Bindung an Washington sie nicht schützt – im Gegenteil. US-Luftabwehrsysteme hätten sich als unzureichend erwiesen, und amerikanische Militärbasen würden angegriffen.
Nach dem Krieg könnten diese Staaten die USA höflich bitten, ihre Truppen abzuziehen.
Ähnliche Entwicklungen sieht Macgregor auch in Asien. In Südkorea und Japan werde bereits diskutiert, warum US-Truppen weiterhin stationiert sind, wenn sie im Ernstfall keinen Schutz garantieren können.
Wirtschaftliche Folgen
Wirtschaftlich drohe eine schwere Krise. Die Straße von Hormus sei bereits „weich blockiert“. Die Ölpreise seien um elf Prozent gestiegen, während der Dow Jones falle.
Länder wie Japan, das rund 72 Prozent seines Öls aus dem Golf bezieht, Südkorea mit etwa 65 Prozent, Indien mit rund 50 Prozent und China ebenfalls mit etwa 50 Prozent wären massiv betroffen – genau jene Staaten, die zu den wichtigsten Säulen der Weltwirtschaft gehören.
Russland profitiere von dieser Situation und liefere Ersatzöl.
Die USA schadeten damit nicht nur Iran, sondern auch ihren eigenen Verbündeten. Versicherungen verweigerten Tankern Schutz. Chinesische Schiffe würden teilweise noch passieren – doch sollte Washington versuchen, auch diese zu stoppen, drohe eine direkte Eskalation.
Ein „niedrig intensiver“ Weltkrieg
Macgregor bezeichnet die Situation als einen „low-intensity Third World War“ – einen Vorlauf zum Dritten Weltkrieg.
Weitere Eskalationsschritte, etwa die Enterung chinesischer Tanker, könnten eine globale Explosion auslösen.
Atomwaffen seien in erster Linie politische Waffen ohne militärischen Nutzen. Schon Stalin habe erkannt, dass sie vor allem der Abschreckung dienen. Staaten ohne eigene nukleare Fähigkeiten würden dadurch verwundbar.
Genau das demonstriere der Westen derzeit: Zwei Atommächte – die USA und Israel – bedrohen einen Staat ohne Atomwaffen.
Warnung vor strategischem Niedergang
Zum Abschluss mahnt Macgregor, die Vereinigten Staaten bräuchten dringend eine ausgewogenere Führung, die Propaganda durchdringen und die Welt jenseits der eigenen Grenzen verstehen könne.
Der aktuelle Kurs führe in einen strategischen Verlust – und in Washington scheine kaum jemand die Konsequenzen wirklich zu begreifen.
Der Konflikt sei längst mehr als ein regionaler Krieg. Er könnte das Ende der amerikanischen Dominanz im Persischen Golf markieren und eine grundlegende Neuordnung der globalen Machtverhältnisse einleiten.

