Millionen Kinder und Jugendliche nutzen Instagram und Facebook. Jetzt steht in den USA die Frage vor Gericht, ob Meta genau ihre Verletzlichkeit zum Geschäftsmodell gemacht hat.
29 US-Bundesstaaten werfen dem Konzern vor, seine Plattformen bewusst mit Mechanismen ausgestattet zu haben, die junge Menschen möglichst lange fesseln. Infinite Scroll, Benachrichtigungen, Likes und algorithmische Feeds erhöhen die Nutzungsdauer – und genau damit verdient Meta Geld: mehr Aufmerksamkeit, mehr Werbung, mehr Umsatz.
Der mögliche Schaden betrifft Millionen: Im Verfahren geht es um zwanghafte Nutzung, Depressionen und Angstzustände, Körperbildprobleme, Mobbing, sexuelle Belästigung sowie Selbstverletzungs- und Suizidinhalte. Dabei stützen sich die Vorwürfe nicht nur auf externe Kritiker. Meta verfügte selbst über interne Untersuchungen zu negativen Erfahrungen Jugendlicher.
Besonders belastend ist deshalb die Aussage des ehemaligen Meta-Ingenieurs und Sicherheitsverantwortlichen Arturo Béjar. Er sagte vor Gericht, Sicherheitsmaßnahmen seien innerhalb des Konzerns immer wieder mit Wachstum und Nutzerbindung kollidiert. Meta habe Probleme gekannt, doch Sicherheit sei keine ausreichende Priorität gewesen. Béjar macht dafür auch die von Mark Zuckerberg geprägte Unternehmenskultur verantwortlich.
Selbst Kinder unter 13 Jahren stehen im Zentrum des Verfahrens. Béjar beschrieb Metas früheren Umgang mit ihnen als eine Art „Don’t ask, don’t tell“-Politik. Gleichzeitig werfen die Staaten Meta vor, Daten von Kindern unter 13 rechtswidrig gesammelt zu haben.
Besonders brisant ist Béjars Aussage zur Instagram-Funktion „Take a Break“, die Jugendliche eigentlich dazu bewegen soll, ihre Nutzung zu unterbrechen: Der ehemalige Meta-Ingenieur bezeichnete die Schutzfunktion vor Gericht als „designed to fail“ – also als „zum Scheitern konzipiert“. Der entscheidende Punkt: Die Funktion sei nicht standardmäßig aktiviert worden, sondern habe von den Nutzern selbst eingeschaltet werden müssen, obwohl Meta gewusst habe, dass nur wenige Menschen solche Einstellungen freiwillig aktivieren. Béjar verglich das mit einem Airbag, den ein Fahrer vor jeder Fahrt selbst einschalten müsste. Seine Aussage stützt damit den zentralen Vorwurf der Kläger, dass Meta zwar öffentlich Schutzmaßnahmen präsentierte, diese aber so ausgestaltet haben könnte, dass sie das für Werbeeinnahmen entscheidende Nutzer-Engagement möglichst wenig beeinträchtigten. Meta bestreitet die gegen den Konzern erhobenen Vorwürfe.
Damit trifft der Prozess den Konzern an seinem empfindlichsten Punkt: seinem Geschäftsmodell.
Meta verkauft Aufmerksamkeit. Ein Kind, das Instagram nach zehn Minuten schließt, ist wirtschaftlich weniger wertvoll als eines, das eine Stunde weiterscrollt. Schutzmaßnahmen, die Nutzungszeit reduzieren, geraten damit zwangsläufig in Konflikt mit einem System, das von möglichst viel Engagement und Werbekonsum lebt.
Der Vorwurf lautet, dass der Schaden vorhersehbarer Bestandteil eines Systems gewesen sein könnte, dessen wirtschaftlicher Erfolg davon abhängt, Millionen junge Menschen möglichst lange am Bildschirm zu halten.
Die Kläger brachten es zum Prozessauftakt auf zwei Worte:
„Profits won“ – die Gewinne haben gewonnen.
Ob die Jury dieser Darstellung folgt, ist offen. Meta bestreitet die Vorwürfe und verweist auf umfangreiche Jugendschutzmaßnahmen. Doch wenn die Kläger beweisen können, dass Meta die Gefahren kannte und trotzdem Engagement und Wachstum priorisierte, geht es um weit mehr als problematische Social-Media-Nutzung. Dann geht es um die Frage, ob ein milliardenschwerer Konzern die psychische Gesundheit einer ganzen Generation dem Kampf um Aufmerksamkeit, Werbeeinnahmen und Gewinn untergeordnet hat.

