Was vor wenigen Jahren noch als „Verschwörungstheorie“ abgetan wurde, entwickelt sich in Großbritannien nun Schritt für Schritt zur Realität: Der US-Datenkonzern Palantir Technologies erhält immer tieferen Zugriff auf die digitale Infrastruktur des britischen Gesundheitssystems NHS – inklusive sensibler Patientendaten von Millionen Menschen. Ausgelöst wurde die neue Debatte durch einen Bericht des The Guardian, wonach externe Palantir-Mitarbeiter Zugriff auf identifizierbare NHS-Daten erhalten könnten. (The Guardian)
Doch der eigentliche Skandal reicht weit darüber hinaus.
Denn es geht längst nicht mehr nur um Software. Es geht um die schleichende Übergabe einer gesamten staatlichen Gesundheits-Infrastruktur an einen privaten US-Konzern mit tiefen Verbindungen zu Militär, Geheimdiensten und globaler Überwachungstechnologie.
Die Geburt eines digitalen Gesundheits-Leviathans
Palantir erhielt bereits 2023 einen Vertrag über rund 330 Millionen Pfund für den Aufbau der sogenannten „Federated Data Platform“ (FDP) des NHS. Ziel: sämtliche Gesundheitsdaten Großbritanniens zentral zusammenzuführen – Krankenhäuser, Hausärzte, Wartelisten, Diagnosen, Medikationen und künftig möglicherweise Echtzeitdaten aus allen Bereichen des Gesundheitswesens.
Offiziell verkauft die Regierung das Projekt als „Modernisierung“ und „Effizienzsteigerung“.
Kritiker sprechen dagegen von der Entstehung einer zentralisierten Gesundheitsdaten-Megastruktur, wie sie autoritäre Staaten kaum besser hätten planen können.
Besonders brisant: Laut internen NHS-Dokumenten wurde sogar eine spezielle „Admin“-Rolle geschaffen, die externen Auftragnehmern – darunter Palantir-Mitarbeitern – praktisch unbegrenzten Zugriff auf sensible Patientendaten ermöglichen könnte. (Reuters)
Wer ist Palantir wirklich?
Peter Thiel gründete Palantir ursprünglich mit Unterstützung des CIA-Investmentarms In-Q-Tel. Das Unternehmen arbeitete in den USA unter anderem mit:
- der CIA,
- der NSA,
- dem Pentagon,
- dem Heimatschutzministerium,
- sowie der US-Einwanderungsbehörde ICE zusammen. (en.wikipedia.org)
Palantir-Systeme wurden eingesetzt:
- zur Überwachung von Migrationsbewegungen,
- zur militärischen Zielanalyse,
- zur Datenfusion verschiedenster Behörden,
- und zur Verknüpfung riesiger Informationsmengen in Echtzeit.
Genau dieses Modell hält nun Einzug ins britische Gesundheitswesen.
Kritiker warnen deshalb davor, dass Gesundheitsdaten künftig nicht mehr nur medizinischen Zwecken dienen könnten, sondern Teil eines umfassenden staatlich-privaten Kontrollapparats werden.
Vom Patienten zum Datenprofil
Die eigentliche Gefahr liegt nicht allein in den Daten selbst, sondern in ihrer Verknüpfung.
Denn moderne KI-Systeme funktionieren nach einem simplen Prinzip:
Je mehr Datenquellen zentralisiert werden, desto vollständiger wird das digitale Profil eines Menschen.
Gesundheitsdaten gehören dabei zu den sensibelsten Informationen überhaupt:
- psychische Erkrankungen,
- genetische Risiken,
- Medikamentennutzung,
- Impfstatus,
- Lebensstil,
- Schwangerschaften,
- Suchtprobleme,
- chronische Krankheiten.
Wenn solche Informationen mit anderen staatlichen Datenbanken gekoppelt werden, entsteht faktisch ein biometrisches Gesellschaftsprofil.
Genau davor warnen inzwischen selbst britische Ärzte, Datenschützer und Abgeordnete. Mehrere NHS-nahe Gruppen sprechen offen von einem möglichen „Missbrauch staatlicher Macht“. (The Guardian)
„Buy our way in“
Besonders explosiv wirkt heute eine frühere interne Aussage aus dem Umfeld Palantirs.
Laut Berichten soll die Strategie des Konzerns gewesen sein:
„Buy our way in“ – also sich über kleinere Verträge und Partnerschaften tief in staatliche Systeme hineinzukaufen. (en.wikipedia.org)
Genau das scheint nun geschehen zu sein.
Was einst mit Covid-Datenbanken begann, entwickelt sich heute zu einer dauerhaften Infrastruktur für:
- KI-gestützte Gesundheitsüberwachung,
- zentrale Datenanalyse,
- algorithmische Entscheidungsprozesse,
- und möglicherweise zukünftige digitale Gesundheitskontrollen.
Der NHS wird damit schrittweise von einem öffentlichen Gesundheitssystem zu einer gigantischen Datenplattform transformiert.
Die Bevölkerung wurde nie wirklich gefragt
Ein zentraler Kritikpunkt:
Millionen Briten wussten offenbar nie, in welchem Umfang ihre Daten verarbeitet oder externen Firmen zugänglich gemacht werden könnten.
Selbst interne NHS-Dokumente warnen inzwischen vor einem massiven „Verlust des öffentlichen Vertrauens“.
Die Regierung betont zwar, alles geschehe „sicher“, „kontrolliert“ und „auditierbar“.
Doch genau dieselben Versprechen hörte man bereits:
- bei Covid-Tracking-Systemen,
- bei Massenüberwachung,
- bei Gesichtserkennung,
- und bei der schleichenden Digitalisierung staatlicher Kontrollstrukturen.
Die Geschichte zeigt:
Sobald eine technische Infrastruktur existiert, wächst fast immer auch ihr Einsatzzweck.
Der wahre Kampf: Datenhoheit
Der Konflikt um Palantir ist deshalb weit größer als eine bloße Datenschutzdebatte.
Es geht um die Frage:
Wer kontrolliert künftig die sensibelsten Informationen einer Gesellschaft?
Demokratisch kontrollierte öffentliche Institutionen –
oder globale Technologiekonzerne mit Geheimdienstverbindungen, KI-Systemen und milliardenschweren Regierungsverträgen?
Großbritannien könnte dabei nur der Anfang sein. Denn ähnliche Modelle werden inzwischen auch in anderen westlichen Staaten diskutiert – unter dem Schlagwort:
„digitale Transformation des Gesundheitswesens“.
Für Kritiker ist klar:
Der NHS wird gerade zum Testlabor einer neuen Ära – einer Ära, in der Gesundheit nicht mehr nur medizinisch, sondern vor allem datenstrategisch betrachtet wird.

